Leseförderung emotional aufladen

 „Das Schulsystem operiert mit Lehrmethoden, die aus grauer Vorzeit stammen und Erkenntnisse aus der Hirnforschung nicht berücksichtigen, kritisiert der Hirnforscher Gerald Hüther. Die Annahme, dass es mehr oder weniger Begabte gebe, sei wissenschaftlich nicht zu halten.“

schreibt heute buchreport.de im Artikel Leseförderung braucht Funkensprüher. Ein paar schlicht klingende Antworten des Wissenschaftlers zu dem Thema, die ich aus meiner Praxis in der Leseförderung für Jungen nur doppelt und dick unterstreichen kann.

Gerade Jungen hängen hier besonders zurück, aber in meinen Workshops „Bücherjungen – Jungenbücher“ und „Und Schuss! Und Tor! – Kicken & Lesen“ erlebe ich immer wieder, wie Jungs (insgesamt, aber auch die aus bildungsferneren Familien, mit und ohne Migrationshintergrund!) darauf anspringen, wenn Bücher und die Beschäftigung mit Büchern durch Emotionen und  Spannung aufgeladen werden. Ich bin schon oft  von Lehrern und Bibliothekaren gefragt worden, was der Trick in den Workshops sei, wo ihre Jungen plötzlich wild und begeistert mitmachen, mitlesen, sich im Book-Walk fast um die Bücher reißen. Sie erkennen ihre Schüler oft nicht wieder. „Es gibt keinen Trick“, sage ich dann, „vielleicht spüren sie die Begeisterung bei mir.“  Den Satz von Gerald Hüter werde ich mir nun merken (und benutzen, Verzeihung Herr Hüther):

„Ganz einfach: Indem man selbst von Büchern begeistert ist und den Funken der Begeisterung auf das Kind überspringen lässt. Begeisterung ist ein Gefühl. Das heißt, wenn wir wollen, dass Kinder etwas lernen bzw. eine neue Verschaltung im Gehirn aufbauen, müssen wir dieses Gefühl wecken. Wir müssen das, was wir uns wünschen, emotional aufladen.“

In „Bücherjungen – Jungenbücher“ macht natürlich eine Menge aus, dass ich auch einen etwas respektlosen Umgang mit den Büchern  zelebriere, das Buch (und auch mich, den vorher bedeutungsschwer angekündigten Schrrrriiiftsteller!“) vom Sockel hole und beweise, dass Lesen etwas mit Handstandmachen und Armdrücken zu tun haben kann – ganz praktisch. Ein absoluter Erfolgsgarant ist das Bücher-Voting, die Möglichkeit mitzubestimmen. Nach dem Kennenlernen der Bücher bekommt jeder drei Klebepunkte, die er frei vergeben darf. Da sieht man am Ende sehr deutlich, wer toppt und wer floppt.

3 Gedanken zu „Leseförderung emotional aufladen

  1. Absolut faszinierender Einblick, danke!
    Mir zieht es ja regelmäßig die Schuhe aus, wenn ich in der Buchbranche Klischees höre wie „Schreiben Sie für Frauen, die kaufen Bücher“ oder „Jungen und Männer lesen nicht“. Seit Jahren versuche ich, herauszufinden, warum männliche Wesen aller Altersstufen angeblich (!) nicht lesen und vermute mal, dass da schon beim Büchermachen von Anfang an eine Menge falsch gemacht wird.
    Umso interessanter der Einblick in den Bereich der Erziehung und Kindheit. Die eigene Faszination und Leidenschaft spielt ja eigentlich bei jedem Buch eine tragende Rolle. Umgekehrt hieße das, dass viele Bücher mit Emotionen aufgeladen werden, mit denen Jungs / Männer einfach nichts anfangen können?

    • Petra, das hat – wie viele Dinge in diesem Bereich – einen „multifaktoriellen“ Hintergrund. Ich werde in Kürze dazu mal meinen Vortrag zu dem Thema in Artikelform bringen. Grundsätzlich glaube ich, dass es genug Bücher gibt, um auch Jungs zu fürs Lesen zu gewinnen, die Frage ist, ob sie den (richtigen) Zugang dazu (bereitet) bekommen. Zum Beispiel kleben viele Vermittlerinnen (es sind ja in der großen Mehrzahl Frauen, die sich darum kümmern müssen) und Vermittler immer noch zu sehr am sogenannten „guten“ Kinderbuch oder Jugendbuch mit pädagogischem Anspruch statt einfach auf Spannung, Abenteuer, Humor zu setzen – Hauptsache die Jungs lesen. Auch das ist nämlich eine Erkenntnis der Hirnforschung: Lesen trainiert viele verschiedene Bereich UNABHÄNGIG VOM INHALT. Bei regelmäßigen Lesern verbessern sich Sozial- und Kommunikationsverhalten, andere Schulnoten übrigens auch. Und zwar auch wenn sie nur Unterhaltungsliteratur lesen.

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