Muss ich einem Junkie erlauben, sich in meinem Hausflur einen Schuss zu setzen?

Darauf gibt es vielleicht eine schnelle und entschiedene Antwort, spontan, erst einmal. Aber dann gerät die Gewissheit ins Wanken. Klar, von MÜSSEN kann keine Rede sein, es ist mein Hausflur (oder zumindest der Teil davon, für den ich Miete zahle) und in der Hausordnung steht nichts davon, dass man dort dies und jenes noch machen darf, schon gar nicht, wenn man einfach mal so hereinspaziert ist.

Das war also so: Ich komme aus meiner Wohnung im fünften Stock, höre zwei Treppen tiefer Geraschel, etwas poltert, ich denke: Huscht der Nachbar schnell in seine Wohnung, damit er mich nicht sehen muss? Vielleicht findet der dich schon immer doof?

Im vierten Stock wartet aber nicht der Nachbar, sondern ein junger Mann, der sich hinter eine kleine Ecke zurückzieht. Er kann sich nicht entscheiden, ob die Sachen, die auf den Stufen liegen, wichtiger sind oder ich oder dass er nicht gesehen wird und er beginnt sofort zu plappern.

Es sei alles gar nicht schlimm. Nur einen Augenblick Ruhe suche er und seine Freundin, aber die sei so ängstlich und gleich weggelaufen.

Das war das Gepolter. Von einer Freundin ist nichts mehr zu sehen.

Ich fühle mich unwohl, stehe ein paar Stufen über ihm, es ist eine recht steile Treppe. Mir gefällt gar nicht, wie ich auf ihn hinabschaue, schauen muss. Und wie er da wuselt, versucht, seine Tasche, Feuerzeug, Handy und Dinge, die ich nicht sehen kann, in den Griff zu bekommen. Er dreht sich halb weg, redet immer weiter.

Es sei so voll in der Stadt, sie bräuchten Ruhe nur ein bisschen Ruhe, für ein Restaurant – warum fällt mir das Wort Restaurant so auf, es klingt zu unpassend aus seinem Mund, kein Restaurant ließe dich rein, das ist der Gedanke und ich schäme ich plötzlich dafür – für ein Restaurant jedenfalls fehle ihnen das Geld und die Freundin, sie sei so ängstlich. Sie seien dann auch gleich wieder weg.

Gleich ist sofort, sage ich und zückte mein Smartphone. Als er nicht kapieren will, dass er vor mir den Flur zu verlassen hat, sage ich, dass er auf der Stelle gehen könne oder ich würde die Polizei anrufen und zwar ziemlich sofort.

Dann sehe ich einen Teil der Utensilien, die man braucht, um den Stoff aufzulösen und verstehe, warum er es nun sehr eilig hat. Erst einmal fällt ihm aber der ganze Kram hin, das Handy platzt auf, Deckel, Akku, Gerät. Ich sammele es auf und gehe hinter ihm die Treppe hinunter.

Und er redet und redet.

Was für ein schönes Haus das sei, er wolle auch ein schönes Haus. Sie seien erst 25, und fleißig seien sie, ganz bestimmt, erst 25 und in 20 Jahren, dann hätten sie sicher auch so ein schönes Haus.

Ich wohne hier nur zur Miete. Mehr fällt mir nicht ein.

Unten wartet die Freundin. Unübersehbar braucht sie den Schuss, nicht er, dringend.

In den Achtzigern habe ich für die Aids-Hilfe gearbeitet, auch mit Drogenabhängigen. Ich hatte mehr Einblick in diese Welt als manch anderer. Mitleid hatte ich nicht und auch keine Illusionen über die Chancen dieser Menschen, aber ich habe unter anderem gelernt, dass es manchmal sehr kleine Situationen sind, die dieses aufgrund der Sucht schon so instabile System völlig zum Einsturz bringen, ich habe die erbitterten Diskussionen über öffentliche Druckräume miterlebt.

Meine Wohnung liegt mitten in der Innenstadt, es ist brüllend voll, SALE überall in den Läden, es brummt. Hier findet sich wirklich nicht so leicht ein ruhiger Ort. Hätten sie es doch erledigt gehabt, bevor ich meine Tasche gepackt und ins Sportstudio gegangen bin.

Übrigens, die Haustür stand sperrangelweit offen. Das teure elektrische Hochsicherheitsschloss mit Panikfunktion hat uns vorletzte Nacht ein- und ausgesperrt, nichts ging mehr. Es musste zersägt werden.

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