Maikäfermädchen

Nur wenige Autorinnen und Autoren können das so wie Gina Mayer: den Leser mit ihrer Erzählung von der ersten Seite an aufsaugen. Dieser besondere Sog entwickelt sich nicht aus Plotgetrickse und Effekthascherei, sondern aus ihrer Fähigkeit, Charaktere zu entwickeln, denen man folgen muss. Nichts von dem steht in den Zeilen, das ist die besondere Kunst. Sie legt etwas unter, zwischen, hinter die Worte und Sätze, und ich habe noch nicht genau herausgefunden, was es genau ist. Übrigens sind  die Personen – in „Das Maikäfermädchen“ sind es Käthe und Lilo, die sich im Nachkriegs-Düsseldorf durchschlagen – keineswegs reine Sympathieträgerinnen, auch daran liegt es also nicht. So war es in „Die verlorenen Schuhe“ oder in „Zitronen im Mondschein“ ebenfalls. Der Zwiespalt, ob man sie wirklich mögen soll (oder darf), bringt sie einem so nah.
Auf jeden Fall erzeugt Gina Mayer Empathie, was für mich die echte Kunst ist. Lilo und Käthe, zwei Frauen, die 1945 andere Frauen von einer schweren Last befreien: von den ungeborenen Kindern, die sie aus Verzweiflung, Leichtsinn oder unter Gewalt empfangen haben. Während am Anfang fast noch Verständnis (für Käthe, die der erste Abort vor dem Verhungern bewahrt) die Gefühle beherrscht, keimt bald Zweifel auf, spätestens, wenn Lilo eine gewerbsmäßige Abtreibungsklinik in einem Trümmerkeller aufziehen will.
Diese ganz persönlichen Schicksale, in die auch die der Männer und Kinder der Frauen verwoben werden, erzählen ganz nebenbei ein Stück deutsche Geschichte. Unaufdringlich und fast am Rande geht es um Schuld, um Augen, die nichts sehen wollten, um Weitermachen und nicht mehr weiter können. Ein Sonntag mit dem Maikäfermädchen, das hat sich gelohnt! Übrigens, eine vorgelesene Probe gibt es hier, die Autorin liest persönlich …

2 Gedanken zu „Maikäfermädchen

  1. Hallo Frank,

    eine berührende Leseprobe, heute, am 3. September, der mich erinnert an meine Großmutter, Käthe…, und meinen Vater, der an diesem Tag geboren wurde.

    Eine schöne Woche und liebe Grüße
    Tine

  2. Ich finde Bücher ungemein spannend in denen man auch mit Unsympathen mitfühlt, bzw verstehen kann was Sie tun. Das Bestemal ist mir das bei „Solar“ begegnet. Mal schaun ob ich die Maikäfermädchen irgendwann in der Bibo finde. Denn Thematisch wäre das genau meins. Danke für den Tip

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