Oft verlieren Autorinnen und Autoren selbst ihren Wert aus dem Auge – das finde ich schlimm!

Stefan Wendel, Autoren- und Illustratorenberater im Gespräch darüber, wie Autorinnen und Autoren ihre Unabhängigkeit stärken, die Gratwanderung zwischen Seelentrost und Pragmatismus in seiner Arbeit und wie schön es ist, auf dem Sofa zu liegen und zu lesen – statt auf der Frankfurter Messe herumzulaufen.

Weißt du, was für mich eine ganz große Enttäuschung nach dem Wechsel aus der PR-Agentur ins Autorendasein war? Dass ich mir allergrößte Mühe gegeben habe, alles „richtig“ zu machen (was viel mit den sogenannten Sekundärtugenden zu tun hatte) und dann kam oft doch nicht die große Belohnung. Beim Landeplatz der Engel hat mich das fast vollständig aus der Kurve geschleudert.

In vielen Jobs kann man allein durch Können, Fleiß und Hartnäckigkeit viel erreichen. Beim Schreiben gehört immer auch eine ordentliche Portion Glück dazu: die richtigen Partner finden, mit dem richtigen Stoff zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt gehen, von Multiplikatoren entdeckt werden. Das lässt sich mit Professionalität etwas beeinflussen, aber nur sehr bedingt steuern, denn auf viele Faktoren, die zum Erfolg führen, hat man als Autor kaum Einfluss.

Stefan Wendel berät Autoren und Illustratoren

Welche Titel besonders gepusht werden, bestimmt allein der Verlag. Und der lässt sich da nicht gern reinreden. Auch deshalb finde ich den Fall Jonas Winner so interessant: Er hätte nämlich durchaus die Möglichkeit gehabt, „Berlin Gothic“ in einem Print-Verlag zu veröffentlichen, allerdings zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt, und hat sich deswegen aus freien Stücken entschieden, sein Glück auf eigene Faust zu versuchen. So kann er die Erscheinungstermine selbst bestimmen und muss nicht warten, bis wieder mal ein Programmplatz für ihn frei ist. Er hat den Verlagen bewiesen, dass er nicht mit Haut und Haar von ihnen abhängig ist, und ist dadurch ein umso gesuchterer Partner geworden, um den man „sich bemühen“ muss. Damit hat er seine Position als Autor eindeutig gestärkt.

Für mich ist das Gefühl innerer und äußerer Unabhängigkeit fast überlebenswichtig. Das hat natürlich auch damit zu tun, öfter mal Nein sagen zu können – gerade gegenüber einem Verlag.

Ich werde immer sehr nervös, wenn jemand auf mich zukommt und mir den Plan eröffnet, seinen kompletten Lebensunterhalt von nun an mit dem Schreiben bestreiten zu wollen. Es gibt einige Autoren, die das können, aber die sind eindeutig in der Minderzahl. Und auch die haben häufig am Anfang das Schreiben mit einem „Brotjob“ kombiniert. Sobald sich der Erfolg eingestellt hat, wird das gern mit einem Nebensatz in der Vita abgetan: „… hat zehn Jahre als Texter in einer Werbeagentur gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete.“ Die allermeisten sind von anderen Einkünften abhängig. Insofern rate ich dringend zu Bedacht. Setzt der gewünschte Erfolg ein, kann man immer noch einen Kurswechsel vornehmen und alles auf die eine Karte setzen.

Wie hilfst du Autorinnen und Autoren, auf diesen Weg zu kommen, konkret? Auf deiner Homepage habe ich den Punkt Einzel-Workshops zur Positionsbestimmung, Ist-Analyse, Profilierung, Orientierung und individuellen Strategieentwicklung gefunden, das klingt nach Coaching …

Da der Begriff Coaching so inflationär verwendet wird, fühle ich mich mit „Beratung“ wohler, aber wahrscheinlich ist es tatsächlich so eine Art Coaching, das ich anbiete. Die Einzel-Workshops sind eine Mischung aus Analyse des Erreichten (Status quo), Information (Branchenwissen und Marktgegebenheiten), aus Motivation (wichtig!) und individueller Strategieentwicklung (Ziele). Es gibt kein festes, vorgefertigtes Konzept. Ich stelle mich auf die Bedürfnisse und Fragestellungen des jeweiligen Autors ein, was in einem Gruppen-Workshop nicht möglich ist. Gestandene Autoren, die seit vielen Jahren veröffentlichen, kommen mit völlig anderen Fragestellungen auf mich zu als Anfänger. Auch Erfolg kann ein „Problem“ sein oder eines werden. Bei Letzteren gilt es vor allem, typische Anfängerfehler zu vermeiden. Lernen durch schlechte Erfahrung muss ja nicht sein. Zu meiner Vorbereitung bitte ich die Autoren, mir vorab eine Auswahl von Büchern oder auch unveröffentlichten Manuskripten zuzuschicken, damit ich mich in die Texte gründlich einlesen und mir – völlig unabhängig von der Person, die ich zu diesem Zeitpunkt häufig noch gar nicht kenne – ein Urteil bilden kann.

Ich glaube, ich wüsste gar nicht, wie ich dir in bestimmten Situationen den ganzen Kram, der da in einem vorgeht, erzählen sollte. Wahrscheinlich bräuchte ich schon die Hälfte der Zeit, um dir das vorzustammeln!

Deshalb müssen die Autoren auch vorarbeiten, wir treffen uns ja zu einem Workshop und nicht zu einem Kaffeekränzchen. Am wichtigsten ist ein selbstreflexiver „Brief“ an mich, in dem er oder sie all das, was ihn oder sie beschäftigt, zumindest ansatzweise ausformulieren soll. Die wenigsten Leute tun das von sich aus, aber ich finde, es ist ein erster Schritt, selbst zu versuchen, die Dinge beim Namen zu nennen. Das kann zunächst völlig ungeordnet sein – für strukturelles, methodisches Vorgehen sorge ich dann im Verlauf des Workshops. Wahrscheinlich bin ich im tiefsten Grunde meines Herzens Strukturalist und liebe es, Chaos zu ordnen und komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Besonders hilfreich ist dabei mein Flipchart …

… ganz anolag, nix virtuell? So richtig mit Stiften und bunten Karten?

Genau. Weil sich in Diagrammen und Schaubildern prima mitunter verblüffende Bezüge herstellen oder Prioritäten setzen lassen, denn viele Autoren neigen dazu, sich zu verzetteln und nicht zielgerichtet vorzugehen, was Energieverschwendung ist. Bis jetzt ist es immer gelungen, am Schluss alle Fäden zusammenzuziehen und auf diese Weise eine individuelle, konkrete Strategie mit Aussicht auf Erfolg zu erarbeiten. Die Flipcharts fotografiere ich als Gedächtnisstütze und ich fasse die Ergebnisse des Workshops schriftlich zusammen. Nach ein paar Tagen telefonieren wir noch einmal miteinander, um offen gebliebene Fragen zu klären oder nachzuhaken. Und natürlich stehe ich meinen Klienten auch darüber hinaus mit Rat und Tat zur Seite. So ein Workshop kann nur eine Momentaufnahme sein und was man hinterher draus macht, bleibt letztlich jedem/jeder selbst überlassen, aber durch das Festhalten der Ergebnisse kann man später überprüfen, ob die erarbeitete Strategie noch zutreffend ist, ob man unversehens vom Weg abgewichen ist oder ob ein Richtungswechsel neuerdings erforderlich ist, weil sich bestimmte Parameter verändert haben.

Wie viel Zeit braucht man für einen Workshop?

Vier bis sechs Stunden, da kann man schon viel erreichen. Die meisten nehmen sich nämlich selten so viel Zeit am Stück für sich selbst, das schätzen die meisten. Und auch, dass sich ihr Gegenüber viel Zeit für sie nimmt. Heutzutage (das war früher wirklich anders) hat ja niemand mehr Zeit für Autoren. Die Lektoren sitzen ständig in irgendwelchen Besprechungen, auf die sich Autoren keinen Reim machen können. Kurzes Händeschütteln auf der Frankfurter Buchmesse – „Wir telefonieren!“ Man trifft sich kaum noch persönlich, es wird bloß noch gemailt, viel zu selten telefoniert. Und von den Agenten kann man aufgrund der Margen auch nicht verlangen, dass sie sich ständig stundenlang mit ihren Autoren zu Strategiegesprächen zusammensetzen. Diese Beobachtung zu meinen eigenen Verlagszeiten war ein Indiz für mich, dass an jemandem wie mir und mit meinem fachlichen Hintergrund Bedarf herrschen könnte. So ein Workshop ist anstrengend, aber kompakt und effektiv. Vielleicht ist es auf den ersten Blick ein Luxus, aber ich glaube, ein sinnvoller, denn es lohnt sich, einmal eine Auszeit vom Alltag zu nehmen und mithilfe von jemandem, der weiß, worum es geht, aus einer anderen Perspektive auf das eigene Tun zu blicken.

Wie viel Seele und wie viel Sache spielen meistens eine Rolle?

Mal mehr, mal weniger. In einem Gruppen-Workshop wären die Leute sicherlich zurückhaltender und gehemmter. Ja, manchmal geht es auch ans Eingemachte und ich versuche, auch der Seele Raum zu geben, hüte mich jedoch davor, meine Kompetenzen zu überschreiten. Respekt vor und Anerkennung für Geleistetes kann ich allerdings auch zollen. Dafür muss man kein ausgebildeter Psychotherapeut sein. Erfolg spiegelt sich doch nicht nur in Absatzzahlen wider! Auch wenn man immer wieder von denselben Veranstaltern zu Lesungen eingeladen wird, ist das ein großer Erfolg. Oder leuchtende Kinderaugen. Und es ist tatsächlich so, dass manche „älteren Hasen und Häsinnen“ von den Ergebnissen ihrer Arbeit so frustriert sind, dass sie den eigenen Wert selbst völlig aus den Augen verloren haben. Das finde ich richtig schlimm!

Das passiert auch mittelalten Hasen *hüstel* oder bin ich schon ein alter? Sagen Sie jetzt nichts, Herr Wendel! Ich habe solche Augenblicke auch schon gehabt, weißt du, wann das ganz schlimm ist? Wenn du gerade auf einer Lesung hofiert und als „der Schriftsteller“ angekündigt wirst, so mit hoheitsvollem Timbre in der Stimme. Und du fühlst dich wie Karl Arsch, weil dir gerade jemand ein Cover aufgedrückt hat, das für dich fast eine Beleidigung deiner Person darstellt. Wenn dann Fremd- und Selbstbild nicht unter einen Hut zu bringen sind, wird das manchmal zur Zerreißprobe.
Weg von der Seele. Eigentlich hätte ich dich gerne gefragt, ob dir diese ganzen Autorengeschichten nicht auf den Senkel gehen, aber in die Verlegenheit bringe ich dich nicht. Du kennst das ja schon seit über zwanzig Jahren, aus deiner Zeit als Lektor und Programmleiter. Wie ist das heute so, als freischaffender Einzelmensch? Fehlt dir das Getümmel eines Verlags nicht?

Also mir kommt mein Alter jetzt sogar sehr entgegen, denn ich profitiere von meinem Erfahrungsschatz aus der langjährigen Verlagspraxis. Insofern heiße ich jedes graue Haar an der Schläfe herzlich willkommen. (Glücklicherweise geht das noch persönlich …) Als ich nach einer mehrmonatigen Orientierungs- und Brütphase mit meinem Beratungskonzept an die Öffentlichkeit gegangen bin, gratulierte mir ein früherer Chef mit: „Ich finde, das passt zu Ihnen, denn Sie haben neben der Erfahrung und dem Können auch die Geduld, die man dafür benötigt.“ Ja, Autoren können manchmal ziemlich nervig sein (wenn sie z.B. auf einen Umschlag heftig reagieren und der ganze Verlag anderer Meinung ist, einschließlich man selbst) – aber für wen gilt das nicht? Ohne Geduld und Respekt geht im zwischenmenschlichen Umgang gar nichts. Im Verlagsgetriebe hat mich sehr vieles wie der ständige Zeitmangel und der enorme Erfolgsdruck gestresst, doch die Autoren haben auf der Nervskala keine allzu große Rolle gespielt. Nur ganz selten schlug der Zeiger mal ganz heftig nach oben aus, weil mir ein Autor die Laune gründlich verdorben hat.

Ach was, so was tun Autoren nicht!

Im Lektorat eines Verlags sitzt man manchmal zwischen allen Stühlen: Der Autor will dies. Der Vertrieb will das. Man selbst will vielleicht ganz was anderes. Gar nicht so einfach, die unterschiedlichsten Interessen immer unter einen Hut zu kriegen, und ich habe dann oft über mein Scheiß-Harmoniebedürfnis geflucht. Erinnere dich an den wunderbaren Umschlagentwurf für mein Lieblingsbuch von dir, „Landeplatz der Engel“. Der Grafiker, du und ich waren begeistert – der Rest des Verlags leider gar nicht. Nichts zu machen. Mir blieb nichts anderes übrig, als gegen meine Überzeugung einen völlig anderen Umschlag in Auftrag zu geben. Der war dann zwar auch nicht schlecht, ich sehe ihn immer noch gern, aber ich hätte mir für „unser“ Buch eben einen mutigeren, auffälligeren Umschlag gewünscht, einen, der auf sich aufmerksam macht. Dieses Gezerre vermisse ich jedenfalls nicht – ebenso wenig wie so manche innen- und konzernpolitischen Aspekte eines Verlagslebens, die einem auch ordentlich an die Nieren gehen können und viel Kraft kosten und von denen ihr Autoren logischerweise nicht allzu viel mitbekommt, weil es sich um Interna handelt. In meinen Beratungsgesprächen verbringe ich auch viel Zeit damit, den Autoren und Illustratoren zu erklären, wie das „System Verlag“ funktioniert. Das ist dann meine „Übersetzungsarbeit“. Wenn man darüber ein bisschen mehr weiß, fällt es leichter, sein Gegenüber zu verstehen. Die meisten Autoren kennen nur die Mitarbeiter in den Lektoraten. Vertreter, die einen Umschlag oder Titel abgeschossen haben, kennen sie oft nur vom Hörensagen. Da entstehen mitunter regelrechte Feindbilder, die es zu korrigieren gilt! Doch zurück zu dem, was ich vermisse. Nicht viel: Einige Kollegen gehen mir ab, mein Team, natürlich auch einige Autoren, mit denen ich früher sehr viel zu tun hatte, die aber (glücklicherweise!) keinen Beratungsbedarf haben.

Also keine Reue?

Keinesfalls! Unterm Strich fällt meine bisherige Bilanz überaus positiv aus: Es ist ja so viel Neues, Spannendes hinzugekommen. Ich kriege jetzt viel mehr mit, „was so läuft“, meine Welt ist größer geworden, ich lerne noch einmal unglaublich viel dazu, die Synapsen klickern nur so und ich habe tolle Leute kennengelernt, zu denen sich andernfalls vermutlich nie ein persönlicher Kontakt ergeben hätte. Das Netzwerk wächst und gedeiht und kann im Sinne aller genutzt werden. Eigentlich habe ich mich immer für einen Teammenschen gehalten, aber ich finde zunehmend Gefallen daran, zu tun und zu lassen, was ich will. Vor allem zu lassen! Nach 20 Jahren Frankfurter Buchmesse war es ein sagenhafter Luxus, stattdessen auf dem heimischen Sofa zu liegen und ein gutes Buch zu lesen – ohne das Gefühl, wer weiß was zu verpassen.

Bleib mir weg mit der Messe! Monate vorher machen alle einen großen Zinnober darum und ob man denn da sei und mit wem man sich treffe usw. Ich bin immer heilfroh, dass ich zu der Zeit meistens in München fürs ZDF-Kinderprogramm arbeite und mich herausreden kann. Mein einziger Gedanke auf der Messe ist: Warum legst du Idiot noch ein Buch mehr auf diese Stapel.
Aber wir sind bei dem angelangt, um was es eigentlich geht! Gute Bücher. Was macht für den Nicht-Lektor-Nicht-Autorenberater Stefan Wendel ein gutes Buch aus und ich möchte sowohl gerne wissen, was du gerade liest, welche – sagen wir 5 – Bücher dein Leben beeinflusst haben und welches Buch noch ganz dringend gelesen werden muss.

Da ich nicht schizophren bin, fällt es mir sehr schwer, zwischen beruflicher und privater Lektüre haarscharf zu trennen. Manchmal frage ich mich, ob es vielleicht ein Fehler war, meine Leidenschaft fürs Lesen zum Beruf zu machen. Ich habe zwar immer krampfhaft nach einem möglichst buchfernen Hobby gesucht, bin aber doch immer wieder bei den Büchern gelandet. Gerade begutachte ich ein Buch im Auftrag eines Verlags. Das ist Arbeitslektüre, zu der ich aus freien Stücken eher nicht gegriffen hätte, macht aber trotzdem Spaß, weil es mich dazu zwingt, Qualitätskriterien auszuformulieren. Rein privat habe ich kürzlich „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett (Wagenbach) gelesen, d.h. ich habe privat angefangen, war aber – schwupps! – schon nach den ersten Zeilen wieder bei der professionellen Lektüre. Eine göttliche Geschichte, die von der witzigen Fiktion ausgeht, dass die Queen durch einen Zufall zur Romanleserin wird und ihre Regierungsgeschäfte übel schleifen lässt. Meine Lieblingsszene ist die, in der sie in ihrer Prunkkutsche sitzt, einen Roman auf dem Schoß, und gleichzeitig huldvoll winkt, ohne dass das Publikum etwas davon mitkriegt. Wenn ich dieses Bild wieder einmal im Fernsehen sehe, werde ich mich totlachen, weil ich jetzt ja weiß, dass sie gar nicht bei der Sache ist. Zwischen den Zeilen beschreibt Alan Bennett, was das Lesen bei uns bewirkt, was Romane mit uns machen, und das ebenso humorvoll wie intelligent. Unbedingt lesen! Ich habe mir dann gleich weitere Geschichten von Alan Bennett besorgt, muss allerdings gestehen, dass ich die nicht so brillant finde.
Privat lese ich viel auf Englisch – das hält mich vom automatischen Lektorieren ab. Mindestens alle zwei Jahre ist „Wiedersehen mit Brideshead“ von Evelyn Waugh dran. Außerdem bin ich ein großer Fan von W. Somerset Maugham (vor allem von den Kurzgeschichten aus der Kolonialzeit), von dem man als Autor übrigens sehr viel lernen kann, insbesondere was die Figurenzeichnung anbelangt.
Ich finde es immer wieder toll, neue Autoren für mich zu entdecken, und denen bleibe ich dann ein Weilchen treu, bis ich alles von ihnen gelesen habe oder ein anderer Autor auf meinem Schirm erschienen ist. An manche Bücher, die mir einmal viel bedeutet haben, wage ich mich nicht mehr ran, weil ich nichts kaputt machen will. Golding ist so ein Fall. Wahrscheinlich haben mich tatsächlich viele Bücher beeinflusst und dafür gesorgt, dass ich geworden bin, was ich bin. Aber das waren in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder andere Autoren: Michael Ende („Jim Knopf“), Enid Blyton (hat mir nicht geschadet, glaube ich!), Agatha Christie, A.E. Johann, Max Frisch (ach ja, die Identität …), Gotthold Ephraim Lessing (aufbegehren!), Kurt Tucholsky, Klaus Mann (seinen Vater mag ich gar nicht), Hugo von Trimberg (Magisterarbeit!), William Golding, Batya Gur, Minette Walters, Martin Suter, John Irving („Owen Meany“!), Ingrid Noll, Stieg Larsson … In dieser Reihenfolge. Lässt das jetzt sehr tief blicken? Mal abgesehen von Hugo von Trimberg mit seinen 50.000 moralinsauren Versen über die Todsünden sind das alles hervorragende Erzähler, denke ich. Jeder auf seine Weise und zu seiner Zeit. Und es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass viele dieser Bücher bei Diogenes erschienen sind: Alle Arten des Erzählens sind erlaubt, nur die langweilige nicht – oder so ähnlich. Montaigne?

Na, wenn das mal kein gutes Schlusswort ist. Danke für das Gespräch. Ich google dann mal Herrn von Trimberg und Batya Gur.

 

Stefan Wendel, Jahrgang 1963, seit 2011 freiberuflicher Autoren- und Illustratorenberater. Daneben unterstützt er die AVA international, München,  bei der Auswahl und Positionierung von Kinder- und Jugendbuchprojekten. Nach dem Studium (Germanistik und Anglistik) an der Universität Bamberg und der University of Reading, Großbritannien, wurde er Lektor, zunächst im Arena Verlag, ab 1992 im Thienemann Verlag, wo er von 2002 bis 2010 die Programmleitung innehatte. Er betreute namhafte Autoren wie Michael Ende, Max Kruse, Otfried Preußler und Ursula Wölfel und spezialisierte sich auf die Entwicklung deutscher Originalausgaben. 2003 wurde er mit dem Lektorenpreis des Netzwerks Deutschsprachiger Kinder- und Jugendbuchautoren ausgezeichnet.

Der erste Teil des Gesprächs findet sich hier.

Mehr zum Dasein als AutorIn: Warum Autoren jammern dürfen, sich aber nicht beschweren sollten.

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