„Stell dir vor, du liest für den hinten links in der letzten Reihe.“

Frank Maria Reifenberg spricht mit der Logopädin und Stimmtrainerin Sabine Rosen darüber, wie man Lesungen noch besser gestaltet und wie eine Küchenrolle Power in die Stimme bringt.

Sabine, wir brauchen Hilfe. Autorinnen und Autoren schreiben, allein und still. Wenn sie vorlesen müssen, sind sie oft aufgeregt, sollen aber ihren Text gut vorbringen, das auch noch vor ggf. großen Gruppen. Was sind die wichtigsten Fehler, die viele ungeübte „Vortragskünstler“ machen?

Sabine Rosen, Logopädin und Stimmcoach

Fehler hört sich so an, als sei ich eine Lehrerin, die mit dem Rotstift droht. Das ist natürlich nicht so. Ich versuche zunächst einmal herauszufinden, was könnte Hemmungen, Verspannungen, Unwohlsein erzeugen.

Na ja, das kann ich dir sagen: die Leute, die da sitzen und was Tolles von mir erwarten sind das Problem.

Nein, die sind nicht das Problem. Die sind da, weil sie dich hören wollen und meistens sind sie viel gnädiger als der Mann auf der Bühne denkt. Vorab musst du aber wissen, dass du mit Stimmtechnik aus einer schüchternen Maus keine trompetenden Elefanten. Das muss aber auch nicht sein.
Ein Mensch, der halbwegs selbstbewusst zu dem steht, was er tut oder schreibt und dies auch vorbringen kann, darum geht es. Und dann können wir am „Drumherum“ viel tun, dass du gut durch öffentliche Auftritte kommst.

Deinen eigenen Raum gestalten

Was ungeübten Rednern Schwierigkeiten bereitet, beginnt oft lange bevor sie hinaus ins Licht und vor die Gruppe treten und zwar am Kleiderschrank zu Hause: eine nicht zur Person und zur Umgebung passende Kleidung. So nach dem Motto, ich bin jetzt sehr privat hier, eher zufällig auf der Bühne. Da wird der Autor oder die Autorin durch die Wahl seiner Kleidung verletzlich. Das hört sich ein bisschen banal an, kann aber ganz entscheidend sein. Fühle ich mich wohl in den Klamotten, aber auch: Kann man mir – wenn ich auf einer Bühne oder erhöht sitzen muss – unter den Rock schauen. Kleidung ist ein Teil der Kommunikation mit deinen Zuhörern, sie kann Nähe schaffen oder Distanz. Du musst natürlich authentisch bleiben, aber es gibt eine Menge Spielraum. Wichtig ist, sich der Sache bewusst zu sein. Es ist dein Auftritt, du bestimmst die Regeln, du hast die Kontrolle. Du musst dir deinen Raum gestalten.

Was aber am Ort ziemlich schwierig ist. Wir lesen gelegentlich, ne, oft sogar, in gruseligen Räumen, Mehrzweckdingern oder 70er Jahre Gemeindehäusern, da gibt es nicht viel zu gestalten.

Trotzdem: An einem Pult, wo du total geblendet wirst oder das Podest unter dir wackelt, sinken deine Chance zu einem überzeugenden Vortrag rapide. Deswegen ist der erste Gang immer der zum eigentlichen Ort des Geschehens, um alles zu checken.

Ich setze mich zum Beispiel nie in die vorbereiteten Ohrensessel für den „Leseonkel“. Das ist mir immer ein bisschen peinlich und schade finde ich es auch, weil dann da Blümchen usw. stehen. Die Veranstalter wollen ja zeigen, dass sie sich Mühe geben und das ist auch toll. Doch dann kommt der Reifenberg, bittet um einen Hocker oder einen Tisch, an den er sich lehnen kann und räumt das ganze Ensemble zur Seite. Aber ich kann nicht anders. Ich muss mich bewegen. Es ist für mich aber auch ein Signal an die Kinder und Jugendlichen: Ich verstecke mich nicht hinterm Tisch, laufe zwischen ihnen rum, hier bin ich, kein Schriftsteller auf dem Sockel, sondern einfach einer, der Geschichten schreibt und erzählt.

Aufregung, Fluchtinstinkt, trockener Mund

Das muss aber jeder und jede für sich herausfinden. Wenn der Tisch dazwischen zur Sicherheit beiträgt und man sich wohler fühlt, ist das eben das richtige Setting. Ausprobieren und auf jeden Fall versuchen, etwas zu verändern, wenn man sich sehr unwohl fühlt.
Das kann auch eine kleine Veränderung mit dem Licht sein oder dass ich mir meine Leselampe selber mitbringe (muss ja nichts großes sein), wenn ich mich dann „stimmiger“ fühle. Ich kenne eine Autorin, die immer einen Talisman dabei hat und den auf den Tisch legt, eine kleine persönliche Sache, ein Trick, okay, aber sie gestaltet damit ihren Raum.

Gut, der Raum ist jetzt super, ich hab meinen Lieblingsjogginganzug an (den, aus dem die Kaffeeflecken schon gar nicht mehr rausgehen), ich bin nur noch 150% nervös. Die Stimme piepst aber, hört sich an wie ein Sandsteinbruch, zudem sind es nicht 20, sondern 60 Kinder und ein Mikro ist auch nicht da. Woran liegt es, dass eine Stimme, die zehn Minuten vorher noch voll ihren Dienst tat, sich dann verabschiedet?

Die Aufregung ist nicht zu unterschätzen, die weckt den Fluchtinstinkt. Das geht auf die Anfänge der Menschheit zurück. Die Durchblutung bedient nur noch die wichtigsten Bereiche, die Hände und Füße werden kalt, der Mund wird trocken, weil „beim Fliehen“ Speichel nicht so sehr wichtig ist. Deshalb gilt schon einige Zeit vor der Lesung: Genug trinken!

Ich habe immer mein eigenes totenstilles Wasser dabei, weil viele Veranstalter uns was Gutes tun wollen und doch zum Brizzelwasser greifen. Bevor dann noch einer losrennen muss, zücke ich fix meine Nuckelflasche mit Leitungswasser.

Ja, kohlensäurefreies Wasser und vorher keine Milchprodukte, also keine Latte Macchiato zur Begrüßung, das verschleimt die Stimme zusätzlich.

Wichtig ist das Gesamtkunstwerk

Hoffentlich liest das kein Veranstalter, dann bekomme ich keinen Kaffee mehr! Ich nehme immer einen vorher, manchmal sogar während der Lesung. Aber ich bin mittlerweile auch eine Rampensau.

Der Vergleich mit einem Schauspieler ist nicht ganz falsch, viele unterschätzen, wie wichtig das „Gesamtkunstwerk“ ist. Du bist nicht nur Autor, sondern auch Interpret deiner Texte und die müssen sitzen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenige ihren Vortrag wirklich proben. 

Alter Spruch: Wer probt, ist feige.

Blöder Spruch, sorry. Einen Text, den man nicht einmal, sondern oft, oft, oft zu Hause laut gelesen hat, bereitet einem schon mal keine Probleme. Die Baustelle kann man auslassen, aber wie gesagt, viele schludern hier.

Jetzt doch Lehrerin (für die Leser: sie hört sich gerade sehr streng an).  Kommen wir zur Baustelle Stimme: Wie bringt man die Stimme richtig in Schwung?

Wenn ich Stimmübungen mit meinen Patienten mache ist es wichtig, eher intuitiv an die Stimme heranzugehen, nicht zu viel Denken! Bei den Übungen spreche ich eher die rechte, emotionale Gehirnhälfte an. Wenn die linke kognitive Gehirnhälfte bei der Phonation dabei ist, dann bewertet die oft zu sehr. Es geht also auch darum, die Stimme zu „erfühlen“.
An der Stimmgebung sind drei Faktoren beteiligt: die Atmung, der Kehlkopf und die Artikulation. Wenn man sehr aufgeregt ist, wird die Atmung unregelmäßig und flach. Sie bestimmt aber mit dem Ausatemdruck auch die Stimmgebung der Vokale und die Lautstärke. So kommen die Stimmlippen nicht so recht in Schwingung. Die Muskulatur  wird fest,  die Stimme lauter als geplant oder kippt nach oben weg. Brüchig wird sie, wenn der Kiefer nicht genug geöffnet wird und der Stimmklang (die Vokale) eher nach hinten verlagert wird. So nach dem Motto „Zähne zusammen und durch“, aber gerade das macht alles nur noch schlimmer.
Dass es sich bei den Stimmlippen oder Stimmbändern um sehr kleine und eigentlich zarte von einem Bindegewebe umgebene Muskeln handelt, ist den meisten nicht so ganz bewusst. Die können sich genau so verkrampfen, wie jeder andere Muskel im Körper. Und das gilt es zu verhindern.

Wie macht man das?

Atmen ist für uns so selbstverständlich, dass wir es im Alltag gar nicht beachten. Man braucht eigentlich nicht viel, um die Atmung für sich arbeiten zu lassen. Achtsam und bewusst atmen hilft schon eine Menge.

Kutschersitz als Atemübung

Das kannst du kurz vorher in der Straßenbahn oder am Veranstaltungsort machen: den Kutschersitz einnehmen und langsam und konzentriert in den Bauch atmen. Dabei die Atmung takten, dass heißt, bei der Einatmung still und langsam bis vier zählen, dann eine Atempause machen von der gleichen Länge und bei der Ausatmung wieder bis vier zählen. Wenn man sich dabei schräg vorkommt: das geht auch auf dem Klo. Du kannst das auch zu Hause, jeden Tag machen, um ein Ritual zu schaffen, dass dich „runterbringt“.
Um den Mund aufzuwecken, streichst du mit der Zunge den Gaumen entlang und über die äußeren Zahnreihen. Und schnalzen ist Super. Die Lippen kriegt man gut wach, indem man „babababa“ sagt, als spräche man mit einem Baby. Oder du lässt die Lippen wie einen Sektkorken knallen.

Gähnen ist ganz wunderbar

Gähnen ist ganz wunderbar, auch künstliches! Der Kehlkopf reckt und streckt sich dabei, ähnlich wie wir das morgens nach dem Aufstehen mit dem ganzen Körper machen. Das ist Entspannung für die Muskulatur, der Ton den ich dabei mache, wenn ich gähne, ist immer entspannt. Es hilft, sich zum Beispiel eine große heiße Kartoffel im Mund vorzustellen, die man kühlen möchte.
Ganz wichtig ist, dass du dir morgens schon Zeit nimmst, um die Stimme in Gang zu bekommen. Nicht auf den letzten Drücker aufstehen und raus. Nimm dir zehn Minuten Zeit und lies etwas aus deinem Text laut vor, sing ein Lied oder sprich einfache Wörter und Silben wie „Ha, ba, ma, mooo, meee“ usw. oder klassische Zungenbrecher wie „Blaukraut bleibt Blaukraut …“ .
Grundsätzlich gilt: Der Kehlkopf ist ein fragiles und empfindliches Körperteil. Die Übungen für den Kehlkopf sind fast immer laut und da sollte man Vorsicht walten lassen.
In der kalten Jahreszeit halte den Hals warm, auch wenn das Wetter eigentlich noch nicht nach einem Schal ruft.

Und wenn der Frosch schon tief im Hals sitzt?

Sollte man sich auf jeden Fall nicht räuspern, dass ist für die Stimmlippen ganz schlecht, da reiben die gegeneinander, das mögen sie gar nicht. Jetzt wird es eklig: Schleim einfach runterschlucken, viel trinken, lauwarmes Wasser oder Kräutertee, zur Not richtig husten.

Ich trinke immer Salbeitee oder lutsche Salbeibonbons? Gut oder schlecht?

Auf jeden Fall nicht optimal, weil Salbei eher austrocknend wirkt. Emser Salz, Isla Moos, Ipalat, Grethers Pastilles und Gelorevoice kann ich empfehlen.
Schlecht sind austrocknende Essenzen, z. B. in mentholhaltigen Bonbons. Scharfe Sachen wie starke Ingwerbonbons reizen eher, alle scharfen Getränke sollte man weglassen, es sei denn du hättest gerne eine markante Whisky-Stimme.

Meistens lese ich morgens, da neige ich sowieso nicht so sehr dem Whisky zu. Und sonst auch nicht.

Bei mehreren Lesungen hintereinander renne nicht von einer Schulklasse in die nächste, sondern gehe fünf Minuten nach draußen, um dich mit frischer, feuchter Luft zu fluten. Zur Not stell dich ans Fenster und atme. Klimatisierte Luft und Heizungsluft trocknen aus und der „natürliche“ Weg, die Stimmbänder zu ölen, ist immer noch der beste. Du siehst, es sind eigentlich ganz banale Dinge, die immer wieder damit zu tun haben, dir deinen Raum zu schaffen und auf dich zu achten.

Anfangs habe ich darauf gar nicht geachtet und auch nach der zweiten Lesung noch – trotz Ermüdungserscheinungen im Hals – fleißig weiter im Lehrerzimmer geplaudert. Das wird natürlich ein bisschen von uns erwartet und man möchte nicht wie ein Miesepeter wirken. Aber mittlerweile sage ich das einfach: Ich mache die elfte Lesung in drei Tagen, ich muss jetzt leider mal still hier sitzen, damit ich gleich für die Schüler eine gute Performance liefern kann. Da hat noch keiner das Gesicht verzogen.

Power mit der Küchenrolle

Kurz vorm Ende des Gesprächs möchte ich unbedingt, dass du die Wirkung der Küchenrolle erklärst. Als du das in unserem Chor eingeführt hast, haben alle – ich auch – den Kopf geschüttelt, aber die Wirkung ist irre, finde ich. Das gehört zwar nicht zu den Dingen, die man so easy schnell vor der Gruppe noch macht, aber morgens oder vorher im Hotel ist das eigentlich kein Problem. Das Ding wiegt ja nix, kann man mitnehmen auf Lesereisen.

Hilfsmittel Stimmtraining

Ja, die ist super. Man nehme ein leere Küchenrolle und versehe Sie an der einen Seite mit einer Membran, Butterbrot- oder Backpapier. Das wird mit einem Gummi befestigt, wichtig ist, dass die Seite ganz glatt ist. Mit der anderen Seite  setzt du es an den Mund und gibst zuerst einmal einen Vokal hinein, zum Beispiel ein A. Wenn die Membran vibriert, hat man sein Ziel erreicht. Alle anderen Vokale , kurze Worte, kleine Sätze kann man da hinein sprechen, das Scheppern vorne ist immer dann da, wenn der Stimmklang weit genug vorne ist. Deine Töne kommen so mit vollem Volumen „vorne“ an.

Hilfsmittel Stimmtraining

Ich war ganz baff, weil das nach der Übung im Chor war, als komme da ein richtiger „Ballon“ von Ton heraus, im ganzen Brustkorb fühlte sich das weit an.

Und dann stell dir vor, dass du diesen Ballon bis in die letzte Reihe schickst. Stell dir wirklich vor, du liest für den hinten links in der letzten Reihe. Du musst ihn nicht anbrüllen, sondern deinen inneren Fokus auf ihn legen.

Energie folgt der Aufmerksamkeit!

Ja. Eines ist allerdings auch klar: Jede Stimme trägt anders, was dem einen noch leicht fällt, ist für den anderen schon Überanstrengung. Finde heraus, wann du ein Mikro verlangen solltest oder schaff dir sogar ein eigenes an. Manche sind einfach nicht dafür gebaut, vor mehr als zehn Leuten zu sprechen. Wenn du mit dem eigenen Auto unterwegs bist, ist das überhaupt kein Problem und es gibt auch portable kleine Komplettanlagen zu erschwinglichen Kosten. Dann bist du unabhängig.

Das ist jetzt lustig, Sabine, weil du mir ungewollt das Stichwort für den nächsten Beitrag in meiner kleinen „Lesereisen-Reihe“ gibst. Das ist nämlich ein Gespräch mit Maja Nielsen, die mit einem Equipment herumreist, das auch für eine Madonna-Welttournee geeignet wäre. Okay, ich übertreibe. Danke, dass du dein Wissen mit mir und den Leserinnen und Lesern des Blogs geteilt hast!

Aber sehr gerne.

Sabine Rosen lebt in Köln. Sie ist ausgebildete Logopädin mit eigener Praxis, Schauspielerin und Stimmcoach. Ein Spezialgebiet ihrer Arbeit sind Stimmpatienten und Parkinsonpatienten. Sie singt mit mir im Because Chor Köln und da habe ich sie mir am Rande einer Probe geschnappt und befragt.

Nachtrag 05. März 2015 – Die Zeitschrift für Kinder- und Jugendbücher ESELSOHR fand den Beitrag interessant und brachte ihn in der Märzausgabe. Hier könnt ihr das Gespräch mit Sabine Rosen (klicken) als PDF downloaden.

 

Ein Gedanke zu „„Stell dir vor, du liest für den hinten links in der letzten Reihe.“

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