Ich würde den Dalai Lama fragen, ob es anstrengend ist, ein Gott zu sein.

Frank Maria Reifenberg spricht mit der Autorin Maja Nielsen über die Kraft der Träume, Dinosaurier-Kacke und die Bedeutung eines Badeanzugs auf Lesereisen.

Maja, du fährst einen roten Mini, auf dem „Abenteuer! Maja Nielsen erzählt“ steht. Was packst du alles  in deinen Flitzer, wenn es losgeht zu einer Lesereise? Was darf auf keinen Fall fehlen?

Da ich Sachbücher schreibe, versuche ich alles möglichst anschaulich und abwechslungsreich zu vermitteln. Das heißt ich zeige Fotos oder spiele Hörproben aus meinen 24 verschiedenen Hörbüchern ein. Dafür brauche  ich unverschämt viel Technik.  In meinem roten Flitzer schleppe ich Beamer, Laptop, CD Player und ab 100 Kindern eine professionelle Lautsprecher Anlage inklusive Headset mit mir. Was die technische Seite meiner Vorträge angeht bin ich so eine Mischung aus paranoid und perfektionistisch veranlagt. Ich bin bestrebt  von den technischen Möglichkeiten des Veranstalters möglichst unabhängig zu sein.

Das ist nicht paranoid, sondern ziemlich schlau. Ich schleppe zumindest immer eigene Ersatzbatterien für verschiedene Fernbedienungen mit mir und diverse Adapter.

Batterien, pah! Ich habe einen Hochleistungsakku mit an Bord, mit dem ich eine 100-köpfige Kinderschar in einer Tropfsteinhöhle 12 Meter unter der Erde 10 Stunden lang professionell beschallen könnte, ohne dass ich einen Stromanschluss brauche. Kam schon mal zum Einsatz, als ich mit meinem Seefahrerprogramm auf einem alten Piratenboot auf dem Main unterwegs war.

Klar, Mary Poppins kam noch mit einer Tasche aus. In Zeiten wie diesen muss es – zumindest bei Frau Nielsen – mindestens ein Kleinwagen sein.

Dann habe ich natürlich meinen Bücherkoffer mit an Bord.  Und je nach Buch gibt es auch verschiedene Gegenstände, die ich während der Recherche zu bestimmten Themen gefunden habe.  Darüber könnte ich nun endlos schreiben. Ich pick aber mal eine Sache raus: Für das Dinosaurierthema schleppe ich z. B. immer einen Koprolith mit, also einen Kotstein aus fossilen Exkrementen. Ich habe ihn während einer Reise nach Südengland am Strand von Lyme Regis gefunden. An diesem Strand wurde vor etwa 200 Jahren zum ersten Mal das Skelett eines Ichthyosaurus gefunden. Ich hab dort halt kein Saurierskelett gefunden, aber immerhin ein handliches Stück Dinosaurierkot. In den Veranstaltungen rufen die Kinder immer laut „ihhhh“ und rümpfen die Nase, obwohl der kleine Kotstein schon seit mindestens 65 Millionen Jahren nicht mehr stinkt.

Ein handliches Stück Dinosaurierkot

Der Mount Everest, ein Vulkan, der Dschungel im Herzen Afrikas, Dschingis Khans Reiterarmee und noch ein, zwei Kleinigkeiten in einer Kiste.

Noch lieber als Gegenstände, lade ich mir Experten, die ich für meine Bücher befrage, ins Auto: Dinoforscher, Bergsteiger, Astronauten, Vampirologen. Ich finde es toll, wenn die Kinder diese Experten direkt ausfragen können. Ich hab mir mein Wissen ja nur angelesen. Aber diese Menschen forschen in ihren jeweiligen Wissensgebieten. Das sind meine absolut liebsten Veranstaltungen, wenn das Wissen förmlich aus meinen Büchern rausspringt und lebendig wird.

Kannst du nicht mal ein Buch schreiben, in dem ein Autor vorkommt? Ich würde so gerne mal mitfahren. Oder ich spiele jemand, ich bin schauspielerisch begabt, ich habe als Schüler in der Theatergruppe die jugendlichen Liebhaber gespielt!

Ich nehme Dich total gern mit auf die Reise, lieber Frank! Wenn Du so gut schauspielern kannst, könntest Du bitte den Dalai Lama spielen?  Mit dem wollte ich mich immer schon mal unterhalten.

Ich glaube, ich wäre eher für die Be- als die Erleuchtung gut! Okay, das Equipment der Autorin Nielsen kennen wir nun, jetzt wird es persönlich. Neulich las ich auf deiner Facebook-Seite irgendetwas in der Art: „Huch, ich habe knapp 90 Lesungen in drei Monaten überlebt!“ Genau das will ich wissen: Wie überlebt die Person Nielsen so etwas? Was packt sie dafür ins Auto oder in den Koffer. Ist überhaupt Platz für einen Koffer?

Es waren 120 Lesungen in drei Monaten.

Du bist wahnsinnig, Frau Nielsen!

In Italien, der Schweiz und Deutschland. Und ich hab jede einzelne genossen. Für mich gibt es nichts Schöneres als mit meinem roten Mini über die Dörfer zu brausen. Um 8 Uhr wird die Titanic versenkt, um 10 der Mount Everest bestiegen und nachmittags geht Pompeji unter. Ich erzähl einfach gern. Zwischendurch halte ich im Sommer auch mal an einem See an, schwimme eine Runde und dann geht es weiter. Oder am Bäcker, oder an einer kleinen Kirche, oder auf einer sonnigen Bank mit Ausblick. Das einzige, worunter ich echt leide ist die Abwesenheit von meiner Familie. Darum mache ich in den nächsten zwei Jahren nur noch im Herbst eine kleinere Lesereise und nutze die restliche Zeit, um einen Roman schreiben –meinen ersten! Was war noch mal die Frage? Der Koffer? Was da reinkommt? Badezeug natürlich.

Ich halte an einem See und schwimme eine Runde

Wir sollten wirklich gemeinsam auf Tour gehen. Ich habe auch immer Schwimmzeug mit und suche mir zur Not ein Hallenbad, um Kacheln zu zählen. Obwohl ich die Lesungen sehr gerne mache, komme ich mir manchmal bei dem ganzen Drumherum, den Reisen, den Hotels usw. wie in einem schrägen Film vor. Und dann bereinigt das Untertauchen alles, ich atme aus und denke, boah, is’ doch alles normal.

Ich bin halt ein altes Zirkuspferd. Sobald ich die Manege schnuppere, geht’s mir gut. Ich habe ja eine Schauspielausbildung gemacht und früher auf verschiedenen Bühnen gespielt. Klar, man ist manchmal müde und erschöpft, aber das ist jeder andere Arbeitnehmer auch – oder? Und wenn Unerwartetes passiert, blühe ich richtig auf: Zu meiner allerersten Lesung kamen statt der erwarteten 30 Gäste 350 Menschen vom Kleinkind bis zur Oma zu meiner Veranstaltung. Es gab nach der Lesung auch noch eine Nachtwanderung, zu der die Veranstalterin Lamas geladen hatte – die Tiere, nicht die Mönche. Das ergab ein einziges Chaos. Ich hab zu Beginn ganz schön geschwitzt, denn es war meine allererste Lesung – aber am Ende fand ich es einfach nur toll.

Was treibt dich an? Was willst du mit deinen Lesungen erreichen?

Mir kommt es darauf an, dass die Kinder von Menschen wie Jane Goodall, Charles Darwin oder Sigmund Jähn inspiriert werden. Es geht mir nicht um die Vermittlung von Literatur, sondern darum, dass Kinder an die Kraft ihrer Träume glauben. Dass sie ihr Leben gestalten und zu einem einzigartigen Abenteuer machen – genau wie die Menschen, die ich ihnen vorstelle. Weg vom Computer – rein ins Leben.

Kinder sollen ihr Leben gestalten

Und dabei bist du so, wie soll ich es sagen … erzählerisch.

Genau! – Meine Reihe heißt ja auch „Abenteuer! – Maja Nielsen erzählt“!

Für die drei Leute hier, die deine Reihe noch nicht kennen: Beschreib doch kurz noch das Konzept deiner Bücher. Das sind ja keine schlichten Sachbücher oder Bildbände, die einfach nur Fakten abfeiern.

Ich porträtiere Forscher wie Marie Curie, Eroberer wie Dschingis Khan, Abenteurer wie Amundsen oder Entdecker wie Magellan, Kolumbus oder James Cook. Dabei vermittle ich das Wissen eingebunden in spannende Geschichten . Ich hefte mich auf die Spur eines Abenteurers oder Forschers und berichte von seinem „Lebens-Abenteuer“.
Das Besondere ist, dass ich mir für jedes Thema einen überzeugenden Experten suche, der in unserer Zeit lebt, der den Lesern in heutiger Sprache und aus heutiger Sicht hilft, die Geschichte zu verstehen. Ein Beispiel aus der Raumfahrt. Ich habe die Geschichte des ersten Mannes im All – also Juri Gagarins Mission in den Weltraum – mit Hilfe des ersten Deutschen im All, Dr. Sigmund Jähn, erzählt. Dafür habe ich Jähn persönlich besucht, ausführlich mit ihm gesprochen. Er war mein Fachberater.
Kaum einer kann sich vorstellen, wie aufwändig der Prozess ist, an dessen Ende ein Sachbuch der Reihe Abenteuer! steht. Das gelingt nur durch intensive Teamarbeit. Ich bin total stolz auf mein „Dreamteam“, allen voran meine Lektorin Dagmar Schemske, die bei allen Themen meine erste und wichtigste Ansprechpartnerin ist.

Gibt es ein Thema, an das du dich noch nicht gewagt hast?

Ich würde mich glaube ich mittlerweile an jedes Thema wagen – vorausgesetzt meine Lektorin zieht mit. Am Anfang hatte ich große Angst, die Dinge falsch darzustellen oder Fakten zu verdrehen. Da konnte ich oft nicht schlafen vor lauter innerem Druck. Besonders komplizierte technische Themen wie Kernphysik oder Raketentechnik schlugen mir regelrecht aufs Gemüt. Inzwischen kann ich mit dem Druck besser umgehen. Nur kurz vor der endgültigen Abgabe geht es mir noch richtig mies. Ein Buch zu schreiben ist wie eine Expedition. Dabei gibt es manchmal auch Rückschläge und Durststrecken. Hin und wieder schlägt man auch  einen falschen Weg ein. Aber zum Glück kann man ja die Richtung korrigieren.

Mit wem würdest du dich gerne mal unterhalten?

Ein Mensch, über den ich wirklich sehr gern schreiben würde ist der Dalai Lama. Das werde ich aber erst tun, wenn mir eine Audienz bei Seiner Heiligkeit gewährt wird. Schon seit 7 Jahren bemühe ich mich darum. Ich habe meinen Pass immer bereitliegen um wo auch immer hinzufliegen, um ihn zu treffen.  Aber die Tibetischen Gebetsmühlen drehen sich langsam. Ich würde ihn gern fragen, ob es anstrengend ist, ein Gott zu sein.

Ich will Autorin sein – unbedingt

Das Romanprojekt. Warum eine Roman, für wen, welches Thema, welche Hoffnungen verbindest du damit, hast du auch ein bisschen Schiss davor?

Mein Roman wird in der Zeit des ersten Weltkriegs spielen. Eine Liebesgeschichte für Menschen ab 13 Jahren. Und natürlich habe ich auch ein mulmiges Gefühl, ob mir das gelingt. Das ist ja wohl klar. Aber ich finde, dass Angst in einem gewissen Maß dazu gehört, wenn man neue Dinge ausprobiert. Bei jedem einzelnen Buch. Sie macht wach und lebendig und darf einen nicht abhalten, etwas zu riskieren. Wenn ich keine Angst verspüren will, dann hätte ich besser einen anderen Beruf wählen sollen. Dann verliefe mein Leben womöglich in ruhigerem Fahrwasser. Aber ich hätte auch längst nicht so viel Spaß. Ich will Autorin sein, unbedingt. Ich will genau diesen Beruf. Und ich finde, er ist der schönste der Welt.

Maja Nielsen, geb. 1964 in Hamburg, studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg. Durch ihre beiden Jungs kam sie dazu, Abenteuergeschichten zu verfassen. Zunächst erschienen ihre Geschichten und Hörspiele im Kinderfunk. Mittlerweile schreibt sie hauptsächlich für Buch- und Hörbuchverlage.

Teil 1 der Artikel-Reihe über Autorenlesungen:

Frank Maria Reifenberg spricht mit der Logopädin und Stimmtrainerin Sabine Rosen darüber, wie man Lesungen noch besser gestaltet und wie eine Küchenrolle Power in die Stimme bringt.

Es folgen in den nächsten Wochen noch Beiträge u. a. mit und von: Tobias Elsässer zu Lesungen und Musik, Christian Linker über Lesungen in Schulen und ein Gespräch mit Julia Frehner-George, die „Literatur aus erster Hand“ in Zürich organisiert. Nutzen Sie den „Follow“-Button, dann kommt bei neuen Beiträgen eine E-Mail und Sie verpassen nix.

9 Gedanken zu „Ich würde den Dalai Lama fragen, ob es anstrengend ist, ein Gott zu sein.

  1. Wow, was für eine Frau! Die würde ich ja auch gern mal live erleben!
    Und eine Sache würde ich gern noch genauer wissen: Wie, bitte, erkennt man versteinerte Dinosaurierkacke, wenn man sie am Strand findet? Zwischen tausenden von anderen Steinen?

  2. Liebe Frank, danke für das lustige Interview. Ich finde deinen Blog sehr erfrischend und sehr interessant… Viele Grüße Mila

  3. Pingback: Ich und Frau Blömer. Schöner lesen in Schulen. | schreibkraft_fmr

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