Ich und Frau Blömer. Schöner lesen in Schulen.

Der Autor Christian Linker schreibt über Lesungen in Schulen, Kaffeeautomaten und zu viel Vorbereitung – ein Gastbeitrag.

Nennen wir sie: Frau Blömer. Sie könnte auch Frau Wojcik oder Frau Özdemir heißen, auf jeden Fall ist sie eine Frau, denn das Lesen an Schulen ist weiblich. Sagt schon der Schriftstellerkollege Burkhard Spinnen, der muss es wohl wissen. Könnte man jetzt viel zu sagen, aber wir haben keine Zeit.
Im Lehrerzimmer  herrscht morgendliche Hektik. Frau Blömer will mich rasch mit der Schulleitung bekannt machen und mir einen Kaffee besorgen, doch der Automat zickt rum. „Ich selber trink nur Tee“, entschuldigt sie sich, „und das ist Frau Dr. Dingsbums-Doppelname.“

Christian Linker morgens um halb Zehn

Lächeln, Händeschütteln. Dann ab durch endlose Gänge, aus denen ich ohne Hilfe nie wieder herausfände, und wo es dennoch so vertraut nach Schule riecht wie früher. Jedes Mal wird mir reflexhaft bewusst: Ich hab Mathe nicht gemacht.
Das Gefühl verfliegt, als wir die Aula betreten. Zweihundert Leute sitzen in engen Stuhlreihen, ihr Gemurmel liegt als verheißungsvolles Brummen über dem Raum. Eine Bühne, ein Tisch, ein Stuhl, ein Glas Wasser. Und ein Mikro, das für die nächsten 90 Minuten mir gehört. Ich liebe es!
Doch erst darf sie. Frau Blömer. Sie freut sich, dass ich da bin, sagt sie, stellt mich vor und wünscht uns allen eine schöne Lesung. Dann kann sie sich entspannen. Sie hat ihren Job getan, der beileibe kein leichter ist.

Da haben nur die Jungs gelacht

Drei Autorenlesungen organisiert Frau Blömer jedes Jahr, immer für je zwei Jahrgänge. Mich hierher zu kriegen war ziemlich einfach im Vergleich mit dem Aufwand, 200 Jugendliche unter einen Hut zu bekommen! Etliche Lehrerinnen und Lehrer mussten ihre Stunden verlegen, Stoff komprimieren, Klassenarbeiten schieben – alles auf sanft-beharrlichen Druck von Frau Blömer hin, auch gegen Widerstände.
Nicht selten sind Menschen wie sie Einzelkämpferinnen an ihren Schulen. Eigentlich sollten die Deutschlehrer ihre natürlichen Verbündeten sein. An sie hatte Frau Blömer vorab ein kleines Handout verteilt – wer ist eigentlich dieser Christian Linker, was für Bücher schreibt er? Ein Lehrer hat daraufhin seine Klasse frei recherchieren lassen. Das merke ich an den Nachfragen:
„Im Internet distanzieren Sie sich von der Behauptung, das Buch sei ein Liebesroman. Was für ein Problem haben Sie mit Liebesromanen?“
„Was sagt Ihre Frau zu der Sexszene ab Seite soundso?“
„Wer schrieb eigentlich den Wikipedia-Eintrag über Sie?“
Die Diskussion entwickelt sich heiter bis spannend. Es kommt auch vor, dass eines meiner Bücher unmittelbar vor der Lesung Unterrichtslektüre war. Da wird die Begegnung schnell zum Expertengespräch: Wie reflektiert darf ein 16jähriger Ich-Erzähler überhaupt erzählen? Wann gehen Four-Letter-Words als lautmalerisches Stilmittel durch? Warum schreibe ich angeblich „Jungs-Bücher“, wenn die dann doch zu 70 Prozent von Mädchen gelesen werden? (Na – weil an der Stelle vorhin nur die Jungs gelacht haben, vielleicht erkannten sie sich wieder?)

Lass uns über was reden, was dich wirklich interessiert.

Manche Lehrerinnen und Lehrer meinen es leider auch zu gut mit dem Vorbereiten. Wenn es im Publikum raschelt und alle ihre gefalteten Zettel hervorkramen, um dann brav die vorher abgesprochenen Fragen abzulesen: „Warum studierten Sie Theo … Thelogo …“
Ich dann so: „Das willst du gar nicht wissen. Lass uns über was reden, was dich wirklich interessiert.“
Nein, Quatsch – natürlich sage ich das nicht. Sondern beantworte die Frage ebenso brav, wie sie mir vorgelesen wurde. Vermutlich aus Schiss, die Fragestellerin sonst bloßzustellen. Aber sowas nervt und bringt nichts. Weder den Jugendlichen noch mir.
Und wo wir schon bei der Wahrheit, sollte ich auch gleich einräumen, dass ich leider nur selten vor 200 Leuten lese. Die Bödecker-Kreise, die eine Vielzahl solcher Schullesungen fördern, deckeln Veranstalter meist sogar auf 60 Teilnehmende. Da braucht es kein Mikro und auch keine Aula. Natürlich lässt sich in so einem vergleichsweise intimen Kreis manchmal intensiver diskutieren; eine Garantie dafür ist das aber nicht.

Jugendliche als Publikum ernstnehmen

Entscheidend finde ich, dass insgesamt eine Atmosphäre des Außeralltäglichen hergestellt wird. Dazu gehört ein Ortswechsel – gerne in die nahegelegene Stadtbücherei, oder eben innerhalb der Schule. Sofern es einen guten Ort gibt. Turnhallen können ziemlich unsexy sein, und wer schon mal im Musiksaal in einem Wald leerer Notenständer gelesen hat, weiß, was ich meine. In äußerster Not muss es mal der eigene Klassenraum sein, dann aber gilt: Tische an die Wände, Stühle in die Mitte.
Achtung: Hier geht es nicht primär darum, dass der Autor sich wohlfühlt. Raum und Atmosphäre sind vor allem ein Signal an die Jugendlichen – ob ihre Schule sie hier als (potenziell) kulturinteressiertes Publikum ernstnimmt und ihnen etwas Schönes bieten oder sie bloß für 90 Minuten irgendwie aufbewahren möchte. Die spüren das! Fühlen sich die Jugendlichen wohl und ernstgenommen, fühlt sich auch der Autor so. Doch auch im schönsten Raum kommt es komisch rüber, wenn alle sitzen und erwartungsvoll schauen, aber niemand die Sache eröffnet.
„Äh … ich dachte, Sie fangen einfach an“, sagt der verdutzte Lehrer, als ich nachfrage. Auf einer Begrüßung, sei sie noch so kurz, bestehe ich. Ich bin nun mal nur Gast, nicht Gastgeber.
Ich habe mir angewöhnt, diese Dinge vorher anzusprechen. Genauso wie mein Bedürfnis nach einem Glas Wasser, lieber noch einer ganzen Flasche, auf dass ich mir zwischendurch mit bedeutsamer Geste nachschenken kann. Frau Blömer hat mir sogar noch ein Brötchen als Wegzehrung organisiert für die Weiterfahrt zur nächsten Schule.
Hoffentlich gibt es da auch eine Frau Blömer.

Christian Linker, geboren 1975 in Leverkusen, schreibt Romane für Jugendliche und junge Erwachsene. Sein Debüt „RaumZeit“ war 2003 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Für „Blitzlichtgewitter“ erhielt er 2009 den Hansjörg-Martin-Preis. Die jungen (Anti-)Heldinnen und -Helden seiner Bücher stürzt er mit Vorliebe in haarsträubende Sinnkrisen zwischen Rebellion und Anpassung, Leidenschaft und Wahnsinn, zweiter Liebe, erstem Sex und vielen letzten Lebensfragen. (www.christianlinker.de)

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