Literatur aus erster Hand – ein Mammut-Programm in Zürich.

Literatur aus erster Hand“ ist ein Angebot des Volksschulamts im Schweizer Kanton Zürich. Das Ziel der Veranstaltungsreihe ist die Förderung der Lese- und Schreiblust bei Kindern und Jugendlichen, in jedem Jahr lesen rund 80 Autorinnen und Autoren in den Schulen des Kantons. Das Literatur-Angebot umfasst zudem Projekte wie Schulhausroman, Kreatives Schreiben, Poetry Slam oder Bücherbasteln. Julia Frehner-George ist verantwortlich für die Auswahl der Teilnehmer und die Durchführung dieses Mammutprogramms

Julia, zuerst vielen Dank, dass du dir die Zeit für unser Gespräch nimmst. Du organisierst im Moment 1700 Lesungen und korrespondierst dafür mit 100 Autorinnen und Autoren. Und ich weiß, dass kein riesiger Stab von Leuten dabei hilft. Was treibt dich an, du machst das Jahr für Jahr und weder Schulen noch Autoren sind immer ganz einfache Partner? 😉

Julia Frehner George

Das Projekt ist eine Herausforderung, die mir Spaß macht. Es ist ein riesiges Puzzlespiel. Ziemlich kompliziert. Aber nach 18 Jahren Erfahrung fällt einiges leichter. Natürlich gibt es Momente, in denen ich fast verzweifle, meist aus organisatorischen Gründen. Aber es gibt auch viele schöne Augenblicke: Wenn ich an Lesungen altbekannte Autorinnen und Autoren wiedersehe oder neue kennenlerne. Wenn sich per Mail herzerwärmende Korrespondenz ergibt. Oder wenn eine Lehrperson anruft und von einer Lesung schwärmt. Und all das kommt zum Glück oft vor.

Das Programm umfasst eine große Bandbreite: Von Ndiaye Ibrahim, der Tanz und Musik in seine Lesungen einbindet, über Manfred SchlüterMaler, Zeichner, Objektebauer, Gedichtebastler – bis zur Autorin Sigrid Zeevaert sind sehr unterschiedliche Kolleginnen und Kollegen dabei. Wo legst du die Schwerpunkte, was möchtest du erreichen?

Die Schulklassen sollen spannende Menschen und ihre künstlerischen Berufe kennenlernen

Ich möchte Kinder und Jugendliche aller Altersstufen erreichen. Die Lesungen sollen Freude an der Sprache, an Geschichten, Büchern, Illustrationen und Liedern vermitteln und die Zusammenarbeit mit der Bibliothek intensivieren. Die Schulklassen sollen spannende Menschen und ihre künstlerischen Berufe kennenlernen und Lust kriegen, selber zu lesen und zu schreiben. Ich finde es schön, wenn es bei den Lesungen interaktive Moment gibt und möchte vermehrt auch Workshops anbieten.

Klaus Peter Wolf hat mir mal bei einem gemeinsamen Abendessen mit deiner Mitarbeiterin Gudrun Baumann gesagt: „Ich weiß seit 30 Jahren immer, wo ich im Januar bin: in Zürich!“ Es gibt also Stammgäste. Ich habe dieses Jahr zum dritten Mal die Ehre. Wie wählst du die Autorinnen und Autoren aus? Was muss man „können“, um nach Zürich eingeladen zu werden?

Ich suche Autorinnen und Autoren, die gute Bücher schreiben und auch gut und gerne auftreten. Ich möchte AutorInnen, IllustratorInnen und LiedermacherInnen einbeziehen. Sie sollten Freude an der Begegnung mit Kindern und Jugendlichen haben. Sie sollten Lust haben, zu experimentieren und interaktive Momente einzubauen. Es sollten Leute sein, die bereits mehrere Bücher publiziert haben und Erfahrung mit Lesungen für Schulklassen haben.

Es gibt auch eine Art Qualitätsmanagement, die Schulen werden nachher befragt, die Autoren ebenfalls und jemand von deinen Leuten besucht auch mindestens eine Lesung. Ohne nun eine einzelne Person in schlechtes Licht zu rücken: Was führt dazu, dass man nicht mehr eingeladen wird? Oder was ist für dich – mit Blick auf den Autor – eine „schlechte“ Lesung?

Eine „schlechte“ Lesung ist es für mich, wenn der Autor oder die Autorin die Kinder und Jugendlichen nicht erreichen kann. Oder wenn er einen negativen Eindruck auf sie macht. Das könnte sein, weil er zu scheu ist, zu leise spricht, langweilig vorliest oder einen zu komplizierten Text auswählt. Es könnte aber auch sein, weil er zu eingebildet ist oder zu viel Werbung für seine Produkte macht.

Nicht eingebildet wirken oder zu viel Werbung für die eigenen Bücher machen!

Die SchülerInnen erhalten dann das Gefühl, es mache ihm keinen Spaß und es ginge ihm nur ums Geld.
Negativ ist es auch, wenn er sich nicht konzentrieren kann, in Gedanken woanders ist und immer wieder den Faden verliert. Die Lesung sollte strukturiert sein. Es geht nicht, dass jemand 45 Minuten lang vorliest. So lange können sich die Schülerinnen und Schüler nicht konzentrieren.
In der Lesung sollten verschiedene Methoden abwechseln: Vorlesen, Erzählen, Diskutieren, Fragen, Spielen, Bilder zeigen, Zeichnen, Musizieren, Experimentieren etc. Am wichtigsten finde ich, dass die Autorin oder der Autor mit Begeisterung voll bei der Sache ist. Nur dann kann der Funke auf die Kinder und Jugendlichen überspringen.

Und setzt du auch schon mal eine Schule auf die „schwarze Liste“? Was erwartest du von den Schulen?

Während der Lesung Hefte korrigieren – das geht gar nicht.

Dass eine ganze Schule auf die schwarze Liste gesetzt wird, kommt eigentlich nicht vor. Aber einzelne Lehrpersonen machen einen schlechten Eindruck, und das merken wir uns schon. Ich erwarte von den Lehrpersonen, dass sie sich vorbereiten, dass sie den Autor oder die Autorin liebenswürdig empfangen und dass sie während der Lesung – falls nötig – disziplinarisch eingreifen. Was nicht geht, ist, dass die Lehrperson den Raum verlässt, während der Lesung Hefte korrigiert und mit einer Kollegin plaudert.

Hast du eigentlich noch Zeit zum Lesen? Was liest du „privat“? Gib uns noch einen Buchtipp oder ein Buch, dem du mehr/viele Leserinnen und Leser wünschst.

Ich war und bin eine Bücherverschlingerin und ich könnte mir das Leben ohne Bücher nicht vorstellen. Ich lese eigentlich alles gerne. Am liebsten Romane oder Krimis. Ich lese auch sehr gerne Kinderbücher. Mein Lieblingsbuch ist „Aller Anfang“ mit Geschichten von Franz Hohler und Jürg Schubiger und Bildern von Jutta Bauer.

Und zum Schluss: 100 Autoren kommen im Herbst/Winter nach Zürich, drei Lesungen am Tag machen platt, aber mittwochs ist der Nachmittag frei. Was dürfen wir in Zürich auf keinen Fall verpassen? Dein ultimativer Freizeit-Tipp?

Ich empfehle unseren Hausberg Üetliberg mit Restaurant und Aussichtsturm. Und wie wäre es mit einem Saunabesuch? Im Seebad Enge oder im Thermalbad Zürich oder im Hamam im Volkshaus?

Julia, vielen Dank und bis bald, genauer bis Ende November. Da weiß ich dann auch, was ich am 28. tun werde!

Julia Frehner George lebt in Zürich. Sie ist diplomierte Übersetzerin sowie Musikvermittlerin & Konzertpädagogin. Seit 1994 arbeitet sie bei der Bildungsdirektion des Kantons Zürich im Sektor schule&kultur und betreut die Bereiche Literatur und Musik.

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4 Gedanken zu „Literatur aus erster Hand – ein Mammut-Programm in Zürich.

  1. In zwei Wochen werde ich in Zürich sein.
    Ich bin schon gespannt und freue mich sehr, zumal ich Frau Frehner George durch dieses Gespräch jetzt noch ein bisschen näher kennenlernen durfte.
    Vielen Dank!

    Alice Pantermüller

    • Hallo Alice, du wirst bestimmt Spaß haben, es ist immer alles gut organisiert und man wird gut untergebracht, viel Spaß!!!

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