Der Autor mit dem Soundtrack zum Buch.

Frank Maria Reifenberg im Gespräch mit dem Autor Tobias Elsäßer darüber, wie man mit Musik auch Sechszehnjährige für Lesungen begeistert, wie er wegen seiner Deutschnote sitzengeblieben ist und über die Sehnsucht in seinen Büchern. Dieses Mal mit Bonustrack: Der Autor singt uns was vor!

Tobias, bist du ein Musiker, der schreibt oder ein Schreiber, der singt? Welche Rolle spielen diese beiden Ausdrucksformen für dich?

Beides gehört für mich untrennbar zusammen. Meine ersten Kurzgeschichten sind entstanden, als ich den ersten Akkord auf der Gitarre spielen konnte. Damals war ich neun Jahre alt. Ich hab einfach wie bei einem Tagebuch meine Gedanken Revue passieren lassen und mehr oder minder melodiös dazu die Saiten klingen lassen. Vielleicht war es die Vorstufe zum Rap, jedenfalls sind nach und nach die ersten Songtexte entstanden, die ich mit einem alten Kassettenrekorder aufgenommen habe. 
Wenn ich nun an einem Buch arbeite, kann es passieren, dass ich auch eine Melodie oder einen Rhythmus im Kopf habe, von dem meine Sprache beeinflusst wird. Einen Roman ohne Musik zu schreiben wäre undenkbar.

Die Soundtracks zu meinen Büchern begleiten den Helden auf seiner Reise

In der Kinder- und Jugendliteratur habe ich manchmal das Gefühl, dass eine ausgefeilte Sprache, die eine gewisse Musikalität aufweist, zu kurz kommt. Auch finde ich, dass man durchaus poetisch schreiben kann, ohne dass es pathetisch klingt. Zu jedem meiner Bücher entstehen Songs, manchmal sogar Soundtracks, die sowohl mich als Autor als auch die Helden meiner Bücher auf ihrer Reise begleiten.

Unsere Reisen – die tatsächlichen, wenn wir ein neues Buch vorstellen – sind mein Thema in dieser Reihe. Wie verbindest du beide Elemente in deinen Lesungen? Singst du? Singst du den Text? Singen die anderen?

Bei Jugendlichen ist singen im ersten Moment uncool. Deshalb versuche ich zu erklären, warum ich diesen oder jenen Song spiele, um die Verbindung zum Buch herzustellen. Nach ein paar Mal Kichern – meist von Seiten der Jungen – wird dann aber meist zugehört und manchmal traut sich auch der eine oder andere mir eine Beatbox zu machen oder sich ans Klavier zu setzen. Das sind dann besonders schöne Momente. Bei Lesungen aus meinem Kinderbuch singen die Kinder den Refrain immer mit und das lockert die Atmosphäre und ist ein schöner Abschluss einer Lesung.
Bei Workshops lasse ich die Schüler immer freie Texte schreiben und spiele unterschiedliche Musik ein, um ihnen zu demonstrieren, wie sehr sich das Geschriebene unter dem Einfluss von Tönen und Rhythmus ändern kann.

Viele Lehrer haben Panik vor Autoren, die „nur“ vorlesen

Eigentlich bist du also auch Entertainer und Animateur. Wie reagieren eigentlich die Älteren darauf, die Lehrerinnen und Lehrer zum Beispiel. Ist denen das nicht zu weit weg vom ehrwürdigen Schriftsteller?

Das Gegenteil ist der Fall. Viele Lehrer haben Panik vor Autoren, die „nur“ vorlesen. Durch die Musik, die Videoclips und meine Erzählungen darüber, dass ich in der Grundschule wegen meiner schlechten Deutschnote sitzengeblieben bin (meine Mutter ist Französin. Leider hab ich mich an ihrer außergewöhnlichen Schriftsprache orientiert;), kann ich das Eis vor allem an Hauptschulen gut brechen. Schließlich will ich Werbung für das Schreiben und Lesen machen und zeigen, dass man durchaus über ernste Themen schreiben kann, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Mit Humor und Anekdoten aus den Erfahrungen eines Autors nimmt man den Schülern die Hemmungen, Fragen zu stellen.

Langweilig wird es einem bei der Bandbreite deines Schaffens auf jeden Fall nicht. Am Anfang hast du dich auf Jugendbücher konzentriert, in denen du dich auch an ein Thema wie Selbstmord und Sex: rantraust. Aber mittlerweile gibt es auch eine Kinderbuchtrilogie nämlich die Abenteuer von Linus Lindbergh. Ich hätte alles Mögliche von dir erwartet, aber das eigentlich nicht. Es geht um eine skurrile Erfinderfamilie, in der ausgerechnet dem jüngsten Spross das Erfinden nicht so recht gelingen will.
„Sehr einfallsreich und fantasievoll sind vor allem die technischen Raffinessen mit denen Tobias Elsäßer hier punktet“, heißt es in einer Rezension dazu. Schlummerte in dem poetischen Songwriter schon immer der Tobi mit dem
Schraubenschlüssel oder um was geht es in dieser Geschichte wirklich?

Ich selbst bin handwerklich total unbegabt. Aber mein großer Bruder wollte als Kind immer Erfinder werden und er hat ganz tolle Sachen erfunden, die ich dann wieder kaputt gemacht hab. Die Geschichte des jungen Erfinders, dem nichts gelingen will, sehe ich auch unter dem Gesichtspunkt, dass ein Kind damit klarkommen muss, das Geheimnis seiner Familie zu hüten und anders zu sein.

Die Figuren sehnen sich alle nach Geborgenheit

Denn wer hat schon einen durchgeknallten Roboter zum Freund? Ich glaube, die drei Bände handeln vor allem von echter Freundschaft, bei der jeder für den anderen einsteht. Natürlich geht es auch um Mut und verrückte Erfindungen, aber die Figuren sehnen sich allesamt nach Geborgenheit, einem Zuhause und Anerkennung.

Etwas versteckt in deiner Antwort kommt das Wort vor, das in meinen Augen sehr kennzeichnend für deine Arbeiten ist. Ob eine schräge Erfinderfamilie, ein junger Typ, den die Hormone durchschütteln oder drei Jugendliche, die sich zum Suizid verabreden, auch der Text des Songs, den du mir für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hast – es ist jeweils sehr unterschiedlich gefärbte Sehnsucht. In deinem sicher umstrittensten Buch ist „Für niemand“ sehnen sich Sammy, Nidal und Marie nicht nur nach einem Ende, sie verabreden sich in einem Chat zum Selbstmord. Wie reagieren Jugendliche darauf, wenn du aus diesem Buch vorliest?

Da ich diese Lesung mit Musik begleite, dauert es meist nur ein bis zwei Zeilen, dann wird es ganz still. Ich glaub, die Jugendlichen merken, dass ich ihnen ein Geschichte erzählen will, die so – leider – tagtäglich passieren könnte. An einigen Stellen spiele ich Videos mit Szenen aus dem Buch ein, die ich zusammen mit der Filmakademie Baden-Württemberg und Schauspielstudenten produziert habe. Dann erzähle ich von der Recherche im Internet und den zahlreichen Seiten, die sich mit dem Thema Suizid befassen. Meist mündet die Lesung in eine interessante Diskussion über beste Freunde, das Internet und warum es so schwierig sein kann, zu erkennen, ob jemand ernsthaft mit dem Gedanken spielt, sich umzubringen. Spannend finde ich, dass die Schulart keine Rolle spielt. Bei keinem anderen Jugendbuch bleiben die Zuhörer so bei der Sache wie bei diesem.

Tobias, ich würde das Gespräch diese Mal im wahrsten Sinne des Wortes ausklingen lassen. Singst du etwas für mich und die Leser?

Okay.

Was singst du?

Einen Song, zu dem ich den Text geschrieben habe, die Musik stammt von Daniel Sus: Um mich selbst.

Tobias Elsäßer, Jahrgang 1973, lebt und arbeitet in Bietigheim-Bissingen. Er sang in der Boygruppe Yell 4 You, arbeitete als Journalist und veröffentlichte eine Gesangssoftware. Wenn ihn jemand fragt, welchen Beruf er ausübe, sagt er: „Ich fühle mich ein wenig wie ein Gemischtwarenladen, in dem es Musik, Bücher und jede Menge Träume zu kaufen gibt.“ Seit 2004 schreibt er Kinder- und Jugendbücher.

Daniel Sus ist Komponist und Musiker, er schrieb unter anderem die Musik für den Film Novemberkind und gemeinsam mit seiner Frau Can Erdoğan-Sus komponierte er den Soundtrack für die Verfilmung von Uwe Tellkamps „Der Turm“.

In der Reihe über Autorenlesungen erschienen bisher diese Artikel:

Christian Linker in einem Gastbeitrag über Schullesungen

Gespräch mit Maja Nielsen über Lesereisen, Dino-Kacke und die Leidenschaft fürs Schreiben

Gespräch mit der Logopädin und Stimmtrainerin Sabine Rosen darüber, wie man Lesungen noch besser gestaltet und wie eine Küchenrolle Power in die Stimme bringt.

Literatur aus erster Hand – Die Organisatorin der Züricher Schullesungen Julia Frehner im Gespräch.

2 Gedanken zu „Der Autor mit dem Soundtrack zum Buch.

  1. Oha, das muss ein Schriftsteller/ eine Schriftstellerin aber erst mal alles an Unterfütterungsprogramm auf die Beine stellen können. Respekt.
    Allerdings habe ich bei Schullesungen die Erfahrung gemacht, dass ich als Autorin eh schon einen riesigen Bonus bei den Jugendlichen habe. „Autor“/ „Autorin“ ist immer noch was ganz Besonderes für sie. Eigentlich komisch, oder?
    Witzigerweise wollen sie immer wissen, wie viel ich mit meinen Büchern verdiene… Sie halten das wohl für einen richtig einträglichen Job – und ich muss sie leider ernüchtern.
    (Und das mit den Noten funktioniert wirklich – ich gebe immer zu, dass ich mit Rechtschreibung auch immer auf Kriegsfuß stand…)

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