Die Meeresgöttin, der Schamane und die wirklich wichtigen Dinge.

Die Kultur der Inuit war und ist geprägt vom harten und oft lebensfeindlichen Klima ihrer Heimat. Bei den Ureinwohnern der arktischen Gebiete geht es nicht um gutes oder schlechtes Wetter, über das wir lamentieren, das uns mal zu sehr dieses und mal zu sehr jenes ist. Leben hieß für die Inuit schon immer überleben in einer nicht nur für unsere Begriffe unwirtlichen Gegend, die menschliche Existenz scheinbar gar nicht vorsieht.

Mona Qiyuaryuk: Lebenswichtige Dinge für die Inuit

So dreht sich für die Menschen der Arktis nicht nur der Alltag, sondern auch das spirituelle und das künstlerische Denken, Fühlen und Handeln immer wieder um den Kampf mit der Natur. Ein Kampf ist es jedoch nur auf den ersten Blick, den wir darauf werfen.

Bei näherer Betrachtung scheint es vielmehr ein stetiger Prozess zu sein, in dem es darum geht, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren, den Umgang mit Eis und Schnee und Kälte und Dunkelheit so zu gestalten, dass lebenswerte Nischen entstehen. Die Natur als eine vielgesichtige Gottheit zu erkennen, die einem wohlgesinnt sein kann, wenn man sie pfleglich behandelt, ermöglicht es, den eigenen Gestaltungsspielraum zu bestimmen.
In jedem Lebewesen kann ein helfender oder strafender Geist wohnen. Die wichtigste Gottheit ist Sedna, die Hüterin der Meere, halb Mensch, halb Tier, die darüber entscheidet, welche Geschöpfe des Ozeans gefangen und gegessen werden dürfen. Sie ist eine zornige Göttin, was man bei ihrer Geschichte gut verstehen kann.

Die Sedna von Wayne Puqiqnak (*1975) trägt ein Ulu in der Hand, ein Zeichen ihrer Weiblichkeit; es handelt sich um das traditionelle Messer der Inuit-Frauen, halbkreisförmig; mit dem Ulu wird das Fleisch von Robben oder anderer Jagdbeute zerlegt.

Skulptur Sedna

Ein Blick in Sednas Gesicht mit dem wütend aufgerissenen Maul zeigt, dass sie nicht mit sich scherzen lässt. Sie spielt in zwei meiner Geschichten von Nanuk im ewigen Eis eine Rolle. Er bittet sie einmal um Hilfe, als sein Freund Noodles verschwunden ist. Nanuk ruft sie dort als „Kannakapfaluk“ an, was einer der vielen Namen ist, die sie im Inuktitut, der Sprache der Inuit, trägt.
In „Verschollen im ewigen Eis“ geht den Jungs etwas gehörig schief. Nanuk muss die Rolle des Schamanen übernehmen und hinab zu Sedna tauchen in ihren Palast am Meeresgrund. Dort lebt und herrscht sie im riesigen Gerippe eines Wals, umgeben von ihren Palastwachen, den Narwalen.

Illustration Renate Emme

Illustration Renate Emme

Als Vermittler zwischen den Welten der Geister und Götter spielte der Schamane in der Gemeinschaft der Inuit eine zentrale Rolle. Er kennt die geheimen Riten und Regeln, wie Kontakt hergestellt werden kann, wie die Gewalten besänftigt werden.

Seine Darstellung mit einer Maske kann unterschiedliche Bedeutung haben. Masken sind ein Zeichen der Transformation, des Übergangs in die Gestalt und die Welt der Geister. Sie können aber auch der Abwehr und Verwirrung dienen oder Teil eines Ritus’ zur Beschwörung sein. Mich zog der „masked shaman“, wie Napachie Ashoona seine Skulptur betitelt, sofort an, vielleicht, weil ich mich seit vielen Jahren immer wieder mit Masken beschäftige.

Schmane mit Masken

Schamane mit Maske 2

Napachie Ashoona (*1974) aus Cape Dorset ist Teil einer kleinen Dynastie von Bildhauern, sein Vater Kiawak ist einer der wichtigsten Künstler seiner Volksgruppe. Die Herstellung von Miniaturen (der Schamane hat eine Höhe von 11 cm) hat eine lange Tradition, die geprägt ist von einem Leben als Nomaden. Die Skulpturen, die auch Ausdruck ihrer Spiritualität sind, mussten transportierbar sein, durften – im Wortsinne – keine große Last darstellen:

„… archäologische Funde belegen die Liebe zu kleinen Dingen und ebenso ihre Sprache. Das Inuktitut kennt keinen Begriff für ‚Kunst’. Das Entwerfen von Skulpturen nennen die Inuit selbst ‚sanangunaq’. ‚Sana’ bezeichnet die Tätigkeit und meint ‚herstellen’ oder ‚machen’. Die Silbe ‚nguaq’ bedeutet ‚Imitation’, ‚Ähnlichkeit’, aber auch ‚klein’, wobei in diesem Wort auch immer die Empfindung von ‚lieblich’ und ‚zart’ mitschwingt.“ (Zitat: Jeannine Bromundt im Ausstellungskatalog der Galerie Central in Zürich, wo ich die Skulpturen und Bilder gekauft habe)

Sedna und der Schamane werden mich in Zukunft auf meinen Lesereisen begleiten, da ist es gut, dass sie halbwegs lieblich und zart sind, obwohl sie nicht verbergen können, dass sie aus Stein geformt wurden. Schon ihr erster Auftritt in einer Züricher Schulklasse war ein kleines Ereignis.

Ebenfalls dabei sein wird die naiv anmutende Zeichnung von Mona Qiyuaryuk (*1946), die mit einfachen Mitteln aufs Papier bringt, was das Leben der Inuit einst bestimmte. Sonne, Wasser, Wal, Hunde, die Waffen zur Jagd, das Kanu. Und ich bin gespannt, welche Bilder der Kinder in den Schulen mich demnächst erwarten, wenn ich ihnen vor meiner Lesung die Aufgabe erteile: „Zeichne, was in deinem Leben sehr, sehr wichtig ist, was du nicht wegdenken kannst, ohne dass du nicht leben könntest!“

Janet Kigusiuqs (1926 – 2005) schlafender Inuit, der von einem vogelähnlichen Wesen (ebenfalls ein Symbol der Schamanen) geschützt wird, muss nicht für den Lese-Nomaden herhalten. Zu Hause wird der Vogel auch über meinen Schlaf wachen.

Schlafender Inuit

3 Gedanken zu „Die Meeresgöttin, der Schamane und die wirklich wichtigen Dinge.

  1. Die Naturphilosophien bergen so wunderbare Ansätze für den Dialog mit Kindern, die ja auch meist noch einen viel direkteren Zugang dazu haben, als die Erwachsenen. Wie schön Sie das in die Kommunikation mit Wort und Bild und Kindern einbringen … Ein berührender Text 🙂

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