Wohin mit den Negerkindern?

Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ wird modernisiert. Warum ein Verlag gleichzeitig zu weit und nicht weit genug geht – ein Kommentar von Frank Maria Reifenberg.

Als ich selbst ein Kind war, fragte ich mich nicht, warum da ein kleiner Negerjunge in der Kirchen-Krippe stand. Er wackelte dankbar mit dem Kopf, wenn man einen Groschen in den Schlitz zwischen seinen Händen warf. Vor allem schaltete sich dann das elektrische Flämmchen unterm Lagerfeuer der Hirten ein und das Wasserrad an der Mühle drehte sich, das fand ich toll. Das war in den sechziger, vielleicht sogar noch in den siebziger Jahren so. Irgendwann verschwand der Mohr, da war ich schon lange nicht mehr in der Kirche, nicht einmal im Dorf. Das ist auch richtig so, denn er war Symbol einer kolonialen und rassistischen Vergangenheit – auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass weder meine Eltern noch der Pastor und auch die meisten anderen Dorfbewohnerinnen und –bewohner sich nicht als wilhelminische Imperialisten sahen. Allerdings hätte man auch in den Siebzigern schon wissen können, dass der Mohr seinen Dienst getan hat und nun gehen darf, nein, muss.

Schwuli und Hexe: No – Indianer: Yes

Auch all die anderen Neger und Mohren – bei Lindgren oder Preußler, auf Schokoladenverpackungen, in der Werbung oder in lustigen Fernsehfilmchen – sind mir nicht aufgefallen. Es wurde auch nicht darüber geredet. Kam jedoch einer von uns (oder andere Kinder in unserem Freundeskreis) auf die Idee, diese Worte im alltäglichen Zusammenhang zu verwenden, wurden wir klar darauf hingewiesen, dass das nicht in Ordnung sei. Auch Schwuli durften wir nicht rufen und niemand eine miese alte Hexe nennen. Dann erklärte meine Mutter, dass wir Friesenhagener die in Scharen oben auf dem Blumenberg verbrannt hätten und das sei vor ein paar Hundert Jahren schon ziemlicher Mist gewesen. Indianer hatten weniger politisch korrekten Support, aber die mochte ich auch und wenn ich Karneval nicht Bäcker oder Schornsteinfeger werden wollte, dann nähte meine Mutter aus Kartoffelsäcken ein – Indianerkostüm. Und ich war immer der gute Indianer, die edle Rothaut, klar, auch später noch, als mein bester Freund und ich „Der letzte Mohikaner“ nachspielten.

Irgendwann in (und vor) dieser Zeit hat Otfried Preußler seine Bücher geschrieben, die dem Kanon der deutschsprachigen Kinderklassiker zugeordnet wurden. Zu diesem Zeitpunkt wusste man auch schon, wie heikel Sprache ist und was man mit ihr anrichten kann. Und von Preußler weiß man zudem, dass er beim Schreiben wenig dem Zufall überließ und kritisch die Worte wählte. Sprache und Geschichten sind immer auch ein Spiegel der Zeit. Jetzt sollen – mit Zustimmung der Familie, wie es heißt – Bücher von Preußler geändert und dem aktuellen Sprachgebrauch angepasst werden. Dabei ging es zunächst darum, etwas großväterlich klingende Passagen dem Ohr des 21. Jahrhunderts genehmer zu gestalten. Aus „Schuhe wichsen“ wird „Schuhe putzen“, weil Kinder das sonst nicht mehr verstehen.

Zensur wie bei Stalin

Schwung brachte aber etwas anderes in die Sache: das Negerkind, der Negerkönig und ihre Verwandten, zum Beispiel in  „Die kleine Hexe“. Viele meinen, das sei richtig, das könne man doch ohne Mühe ein bisschen modernisieren. Einige schreien „Zensur!“, andere sprechen von Manipulation, Verfälschung. „Verblödete, politikkorrekte Dummschwätzer“, „Kulturleugner“, „Bücherschänder und Kulturverbrecher“, „Vollidioten“ wurden die Mitarbeiterinnen des Verlags beschimpft. „Zensur und Geschichtsverfälschung wie in schlimmsten stalinistischen Zeiten – jetzt unter dem Banner der ‚political correctness’. Schämen Sie sich!“, wurde dem Verlag geschrieben oder: „Geben Sie acht, dass Sie sich nicht an Ihrer politisch korrekten Scheisse verschlucken.“

Ich lebe in dieser Zeit und weiß: Diese Sprache verletzt und verhindert jegliche sachliche Diskussion. Die aber tut Not! Auch in meinen Augen macht der Verlag einen Fehler, einen schweren sogar. Man darf sich darüber empören, aber auch in der Empörung sollte man seine Worte mit Bedacht und Respekt setzen. Ich war viele Jahre Autor dieses Verlags, einige meiner Bücher erscheinen immer noch dort. Ich wurde von allen im Verlag, besonders aber von meinem Programmleiter und meinen Lektorinnen, immer mit Respekt vor meiner Arbeit und Person behandelt. Es wurde viel über Manuskripte nachgedacht, ob dieses oder jenes richtig sei in einem Text; es wurde abgewogen, diskutiert, gelegentlich gestritten. Am Ende war aber ich der Autor, der verantworten musste, was da geschrieben stand.

Es geht um mehr als Schuhwichse

Warum ist es ein Fehler, die Bücher Preußlers nach all diesen Jahren – und sei es nur in diesen wenigen Worten – zu ändern? Weil sie längst Teil einer Kulturgeschichte sind, weil es die Freiheit der Kunst gibt, weil wir nicht das Recht haben, nachträglich etwas über die Dinge zu pinseln. Es sei denn, wir sind ein Renaissance-Papst, lassen uns eine Kapelle bemalen und bezahlen das Ganze. Und weil wir zuerst definieren müssten, wo die Grenzen liegen. In Preußlers und auch anderen Büchern dieser Zeit finden sich Formulierungen, über deren Verwendbarkeit man im Jahr 2013 trefflich streiten könnte, das ist klar. Dabei geht es nicht nur um die richtige Beschreibung des Vorgangs, wenn wir unsere Schuhe reinigen, sondern auch um Stellen, durch die sich Menschen in ihrer Würde verletzt fühlen. Das ist natürlich relativ und ändert sich mal mehr, mal weniger rasch. Beim „Negerlein“ fällt das Urteil aber schon seit einiger Zeit recht klar und einhellig aus. Der Autor hat es so geschrieben und so gemeint, was auch immer dieses „so“ bedeuten mag.

Bei bereits verstorbenen Autorinnen und Autoren ist die Lösung eine ganz einfache: Ein kleiner Hinweis am Anfang des Textes würde genügen oder – aufwändiger – eine Kommentierung oder ein Glossar (wie es Michael Roesler-Graichen es in seinem Kommentar auf boersenblatt.net empfiehlt). Kinder, die schon selbst lesen, fragen und es träte das ein, was das Lesen und die Literatur zu ihrer wahren Blüte bringt, nämlich dass man darüber nachdenkt und sich (mit anderen) darüber auseinandersetzt. Und wenn Eltern die Worte beim Vorlesen austauschen, gibt es dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Mit dem Erklingen des ersten Buchstabens beim Vorlesen schaffen sie nämlich ein neues Werk, schreiben letztendlich die Geschichte fort, sogar neu. Daran können wir Autoren gar nichts machen und es ist auch nicht mehr unsere Sache.

Einer schreibt, einer liest – zwei Werke

Ich schreibe den Text für mich, nach meinem aktuellen Wissen und Fühlen. Der Leser oder die Leserin erliest ihn neu und muss das tun, erst dann kann Literatur wirken. Außer bei der Bedienungsanleitung einer Waschmaschine, da sollte er es lassen. Und genau da liegt der Unterschied. Die Waschmaschine muss funktionieren. Literatur soll und darf wirken.

Wenn der Autor noch lebt, kann nur einer diese Änderungen vornehmen: er oder sie selbst. Autoren überlegen es sich im Laufe ihres Lebens anders (und gelegentlich auch besser), ändern ihre Meinung, revidieren ihr politisches oder ästhetisches Wertesystem. Dazu kann gehören, dass sie ganze Bücher aus dem Verkehr ziehen oder nur einzelne Passagen ihrer Werke überarbeiten. Literatur ist nie perfekt und ihre Schöpfer haben jederzeit das Recht, sich in Frage zu stellen. Darüber erfahren wir aber in der Diskussion um „Die kleine Hexe“ nicht viel. Im Einvernehmen mit der Familie, heißt es, wurden die Korrekturen vorgenommen.

Ein ganz andere Fall wäre zu verhandeln, wenn wir dem Autor Rassismus unterstellten. Dieser Frage sollte ein Verlag nicht ausweichen. Expliziter Rassismus ist leicht zu erkennen, der zwischen den Zeilen macht es uns schon schwerer. Da kommen wir in die Interpretation, da bringen wir unsere eigene Geschichte und Lesart mit und es bedarf eines gewissen Abstands; Vergleiche sind nötig, vielleicht Experten unterschiedlicher Fachrichtungen. Bei einem wichtigen Autor wie Preußler muss dieser Aufwand betrieben werden. Vielleicht hätte der Verlag hier ein bisschen mehr investieren müssen.

Wortkosmetik reicht nicht aus

Es an ein paar Bezeichnungen aufzuhängen reicht nicht aus. Zweifelsohne sollte das Wort auf die Goldwaage gelegt werden. Zweifelsohne kann jemand die „falschen“ Worte benutzen, ohne dass diese aus ihm einen „falschen“ Typ werden zu lassen. Man kann aber ein Kind seiner Zeit mit allerlei Verwachsungen sein und trotzdem Bücher schreiben, die wichtig sind, für diese Zeit, deren Leserinnen und Leser. Und vielleicht auch für spätere Generationen, für diese ganz gewiss, wenn mit dem Abstand der Jahrzehnte eine kritische Revision erfolgt. Passt seine Literatur noch in die heutige Zeit?, ist eine berechtigte Frage, ja, sogar die Frage, ob es tatsächlich rassistisches Gedankengut in diesen Büchern gibt, darf und muss gestellt werden. Wenn das bejaht würde, wäre die Folge vielleicht, den Autor literaturhistorisch einzuordnen, dem interessierten Laien oder Profi zur Verfügung zu stellen, aber nicht weiterhin ein großes Geschäft mit ihm zu machen und in Neuausgaben und Werbekampagnen zu schwelgen. Noch einmal, Wortkosmetik reicht so oder so nicht aus.

Ich wünsche mir, dass diese Fragen geklärt werden und Otfried Preußler sich selbst dazu äußert – gerade weil seine Bücher meine Kindheit und angehende Jugend begleitet haben.

Übrigens: Die Diskussion ist nicht neu. Thomas Mann wurde immer wieder Antisemitismus vorgeworfen. Bei ihm bleiben viele Fragen offen. Auf jeden Fall kam niemand auf die Idee, z. B. diese beiden Stellen in den „Buddenbrooks“ zu korrigieren:

„Ihr gegenüber plapperte die Französin, die aussah wie eine Negerin und ungeheure goldene Ohrringe trug.“

oder

„Ausgenommen Klara und Klothilde, die jeden Sonntagabend im Hause einer Freundin für kleine Negerkinder Strümpfe strickten, wollte man dort Kaffee trinken.“

Aber halt. Vielleicht liegt hier der Hund begraben: Thomas Mann, Literatur, Nobelpreis gar! Preußler schreibt ja nur Kinderbücher. Die darf man nachträglich anpassen? Nein, darf man nicht.

Nachtrag am 09.01.2013: Der Thienemann Verlag nimmt erneut ausführlicher Stellung zu der geplanten Überarbeitung.

20 Gedanken zu „Wohin mit den Negerkindern?

  1. Ich hatte meinen Senf schon an anderer Stelle dazu abgegeben und finde es ein Unding, was hier passiert:

    Sehr schade, dass hier das Urheberrecht mit Füßen getreten wird und mal eben das Werk eines Autoren regelrecht zensiert wird. Und in ein paar Jahren ist dann der nächste Begriff nicht mehr p.c. – dann erfolgt die nächste Verstümmelung?!

    Das ist wie stille Post – in ein paar Jahrzehnten wäre nichts mehr vom Usprungswerk übrig…vielleicht reitet die kleine Hexe dann überhaupt auch nicht mehr auf ihrem Besen, weil irgendjemand meint, Hexen gäbe es gar nicht und das wäre ein Relikt der Inquisition…

    Da die Haupt-Zielgruppe dieser Geschichten sie zumeist noch nicht selber liest, ist es doch eher an den Eltern / Vorlesern solche Begriffe zu erklären. Gerade solche Begrifflichkeiten können idealerweise dazu dienen aufzuklären…anstatt sie gänzlich zu verbannen.

    Es ist ein Stück Geschichte – auch Sprache unterliegt eben einem Wandel und genau darin liegt der Reiz alter und neuer Erzählungen. Es gibt genug moderne Geschichten in modernem Sprachstil – weshalb können wir dann sprachliche „Zeitzeugen“ nicht einfach so in ihrer Ursprünglichkeit belassen? Goethes Faust hat auch einen anderen Sprachstil als unsere heutige Umgangssprache…. Kinder sollten und dürfen ruhig lernen, dass „alte“ Geschichten sich anders anhören als neue – genau darin liegt auch ein Teil ihrer Faszination. Viel negatives in so manch antiquiertem Wort wird auch erst durch uns hinein interpretiert… Menschen sind nunmal unterschiedlich, in jeglicher Hinsicht (keineswegs nur die Hautfarbe betreffend) und dennoch eben auch ähnlich und trotzdem bzw. genau deswegen gleichermaßen wertvoll, aber so manches Mal wünsche ich mir einen natürlicheren Umgang und das simple Respektieren dieser Unterschiede, anstelle der ewigen Gleichmacherei.

    Ja, ich bin sauer und werde vorsorglich ein paar alte Exemplare der Urfassungen „sichern“….

    • Ich bin in meinem Beitrag bewusst vorsichtig mit dem Begriff „Zensur“. Und ich unterstelle dem Verlag auf jeden Fall den guten Willen, in einer heiklen Frage zu einer Lösung zu kommen. In diesem Fall hat aber der gute Wille greift die Maßnahme letztendlich zu kurz. Und gleichzeitig zu weit. Eine sehr verzwickte Sache, die man aber trotzdem in Ruhe diskutieren kann. LG F.

      • Keine Frage – der Verlag befindet sich in einer Zwickmühle…die einen werfen Rassismus vor, die anderen eben Zensur. Von einem Extrem ins andere…

        Aber es zeigt deutlich, wo das eigentliche Problem liegt. Nämlich in unserer Gesellschaft und der Unfähigkeit, bestimmten Begrifflichkeiten und auch der Geschichte an sich mit Respekt und trotzdem mit einem Mass an Normalität entgegenzutreten. Auch hier geht es von einem Extrem ins andere.
        Da wird sich (tatsächlich passiert) beschwert, wenn ein dunkelhäutiger Mann an einem Messestand eines Südseestaates auf einer Tourismusmesse in traditionell-leichter Kleidung einen Volkstanz vorführt.
        Dies wäre erniedrigend der dunkelhäutigen Bevölkerung gegenüber… (absurd wäre es gewesen wenn den gleichen Tanz ein weißer Mann in Jeans und Rollkragenpulli vorgeführt hätte).

        In Thailand werden Europäer bzw. Weiße allgemein als Farang bezeichnet – ein Schimpfwort wird dieser Begriff erst durch den entsprechenden Tonfall. Ich bin ein Farang, ich bin hellhäutig und blond, ich bin eine Frau… das ist nunmal so. Ich werde nicht weniger hellhäutig und blond und weiblich sein, nur weil die Bezeichnung sich ändert.

        Was ich damit sagen will? Rassismus äußert sich nicht durch einzelne Jahrzehnte & Jahrhunderte alte Begriffe sondern durch das „wie“ wir sie verwenden …

        Es gibt nunmal schwarz und weiß, dick und dünn, asiatisch und europäisch und blond und schwarz. Anstatt immer wieder neue sprachliche angeblich politisch korrekte Bezeichnungen (die auch der Mode unterworfen sind) für ein und dieselbe Äußerlichkeit zu finden, sollte man sich lieber darauf besinnen, diese Unterschiede der Menschen und diese selbst endlich als normal und gleichwertig zu akzeptieren.

  2. Ich bin anderer Meinung. Thomas Mann wird von Erwachsenen gelesen, die über die Problematik solcher Begriffe Bescheid wissen. Die Bücher von Otfired Preußler werden keineswegs nur vorgelesen, sondern von Leseanfängern selber gelesen, die nicht jedes Wort reflektieren. Und auch nicht immer nachfragen, wenn gerade keiner zum Fragen da ist, vergessen sie es. Wenn sie das Wort später benutzen und werden getadelt, entgegnen sie dann, sie hätten es doch gelesen.
    Und was ist mit den Hörbuchausgaben? Meine Kinder jedenfalls hatten die Kassetten allesamt im Schrank. Da hören sie diese Begriffe wieder und wieder und wieder, bis sie ihnen verständlicherweise vollkommen normal und richtig vorkommen.
    Würden die Bücher übersetzt, würden auch bei jeder neuen Übersetzung die Begriffe angepasst. Warum also nicht für unsere Kinder?
    Wie gesagt, wir reden hier von Grundschulkindern, Leseanfängern. Bei älteren Kindern würde ich das schon wieder anders beurteilen.

    • @wortakzente: Das Problem sehe ich, in der Konsequenz heißt das aber, dass einige Bücher für einige Zielgruppen nicht (mehr) geeignet wären. Der Thomas Mann-Vergleich greift, wenn ich Kinderliteratur (jedenfalls einiges davon) als Literatur und nicht als „Nutztext“ zur Unterhaltung von kleinen LeserInnen betrachte. Dann hat sie das Recht genau so vor Eingriffen geschützt zu werden wie anderes auch.
      Mein Plädoyer heißt aber letztendlich: Versachlichung der Diskussion und Vertiefung der Argumentation. Da sind jetzt einige gefragt, auch der Verlag. Der erlebt diese Diskussion auch nicht zum ersten Mal, wenn man die entsprechenden Begriffe googelt, kommen die Fragen hoch. Herzlich, FMR

  3. Ich hab gestern hin und her überlegt, wie ich mein ungutes Gefühl zum Thema am besten in Worte kleiden könnte. Ihnen ist das klasse gelungen.
    Literatur, Filme – was müsste nicht alles umgeschrieben oder am Ende ersatzlos gestrichen werden, wollte man dem Anspruch gerecht werden, nur noch politisch korrekten Stoff anzubieten. Ich erinnere allein an all die Tarzan-Filme und die Rollen, die Schwarzen darin zugewiesen waren. Oder an die Western, wenn John Wayne zum Besten gab, dass nur ein toter Indianer ein guter Indianer sei. Viel wichtiger ist doch, dass man Kindern vermittelt, solche Zusammenhänge selbst zu erkennen und auch zu werten.

  4. @wortakzente:

    Man sollte nicht so tun, als würde das Wort Neger im Kinderbuch aus Kindern Nazis oder Rassisten machen!

    Wo ist das Problem, wenn Kinder einen Begriff benutzen und Eltern/Erwachsene mit ihnen deswegen über ein Problem sprechen? Ist das nicht sogar gut?

    Das Wort „Neger“ ist kein schlimmes Wort per se und ein anderes Wort ist per se kein gutes Wort. Das sind erstmal nur Buchstaben. Es kommt drauf an, was man daraus macht, wie der einzelne sie mit Bedeutung füllt.

    Ich bin in einer Welt oder Zeit aufgewachsen in der wir Negerküsse aßen und die schmeckten toll. Das hat nicht dazu geführt, daß wir etwas gegen „dunkelhäutige Menschen“ gehabt hätten. Und in Kinderbüchern kam das Wort auch vor und Pippi Langstrumpfs Papa war irgendwo Negerkönig. Das fanden wir toll, aber nicht als einen Ausdruck des Kolonialismus.

    Klar, mir wurde als Kind erklärt, daß Neger auch ein Schimpfwort sein kann, wenn man es als solches benutzt, um Menschen damit abzuwerten oder zu bleidigen. Und irgendwie war die Welt damit in Ordnung, denn ich hätte nie jemand anderen als „Neger“ beschimpft, konnte aber auch mit meinen adoptierten, buntgemischten Cousins und Cousinen Negerküsse essen.

    Als ich dann irgendwann erwachsen war, wurde ich Journalist und hatte sehr viel mit Neonazis zu tun. Da lernte ich, daß man „dunkelhäutige Menschen“ und jeden anderen vermeintlich „politisch korrekten“ Begriff so benutzen kann, daß er schlimmer ist als alle Negerküsse und Negerkönige der Welt, weil er sogar noch damit kokettiert, das beleidigende „Neger“ zu meinen ohne, daß einem einer was kann.

    Vielleicht ist es gut, wenn Kinder in Büchern von Negern lesen und es zu einer Auseinandersetzung damit kommt. Wenn Kinder lernen, daß Dinge früher anders waren, daß es gut war, daß sie sich geändert haben. Vor allem aber, wen Kinder lernen, daß Worte nicht so wichtig sind wie die Gedanken die dahinter stehen.

    Und das bevor, die Nazis mit der Schulhof-CD auf sie warten.

  5. Das Wort ist nicht per se schlimm, aber es wurde durch seine Verwendung im Laufe der Zeit dazu. Ich bin auch in der Zeit aufgewachsen, in der man Negerkuss sagte. Aber das muss ja nicht bedeuten, dass alles gut war, bloß weil in unserer Kindheit niemand darüber nachgedacht hat. Dieser Link wurde heute an anderer Stelle gepostet, ich finde ihn sehr gut, um sich in Erinnerung zu rufen, was mit dem Wort alles zusammenhängt: http://www.derbraunemob.info/shared/download/warum_nicht.pdf

  6. Danke für den guten Text zum Thema. Es ist wirklich schwierig, sehr schwierig, und als Autor und Verlag sitzt man zwischen allen Stühlen. Ich wünsche gute Nerven, und daß soviel des richtigen getan iwrd, wie möglich.
    Ich (2 KInder, 23 und 8 Jahre) stolpere schon seit einiger Zeit darüber, daß ich moderne Kinderbücher nicht mehr mag. Inhalt, Schreibstil, Thematik. Hexe Lilli, z.B., politisch korrekt, aber sterbenslangweilig, mit fragwürdiger Moral. Lilli belügt ihre Eltern und ihren kleinen Bruder, um selbstsüchtig ihrem Ego zu folgen – Abenteuer quer durch die Welt und die Zeit. Drache Kokosnuss und Co., genau dasselbe. Kleine Egomonster werden da herangezüchtet.
    Negerkönig sagen darf man nicht, aber die Mutter zu belügen ist in Ordnung. Ich erinnere mich, einmal genau anders herum erzogen worden zu sein.

    Ich frage mich, ziemlich besorgt, wann es soweit ist, daß die Kinder von heute die Klassiker, bei Goethe und Schiller angefangen, nicht mehr verstehen können. Wann die Antiquariate nur noch Altpapiersammelstellen sind, weil keiner mehr den Text versteht, die Worte versteht, den Sinn versteht. Weil alles glattgebügelt wurde, nur weil irgendwelche Leute über irgendwelche Begriffe die Nase rümpfen. Das muß doch nicht sein? Unsere Sprache ist so reich – lassen wir sie so. Lebendig, mit Worten, die eines, was anderes und noch was drittes bedeuten – und mit Worten, die zu zehnen doch dasselbe meinen.
    Wenn alle Stolpersteine entfernt werden – auch aus der Sprache – wie soll ein Kind dann lernen, sie zu erkennen oder ihnen auszuweichen? Oder sie selbst nach eigener Erfahrung zu gewichten? Ein Verlag hat eine große Verantwortung – auch in dieser Hinsicht, meine ich. Das geschriebene Wort hat eine sehr große Macht.
    Anpassung der Begriffe finde ich überflüssig. Viel wichtiger ist es meines Erachtens, sich als Eltern mit der Lektüre des Kindes auseinanderzusetzen, gemeinsam zu lesen und bei Verständnisschwierigkeiten Hilfestellung zu geben. Dabei gibt es gleich eine Geschichtsstunde über die Entstehung des Begriffes. Beipielsweise beim Ausdruck „Wichsen“, was heutzutage ja vorwiegend negativ-obszön besetzt ist. 😉 kennt eigentlich noch eines der Jugendlichen die eigentliche Bedeutung, obwohl sie es ständig im Munde führen? Das wage ich zu bezweifeln. Daran sind leider unter anderem solche Glattbügeleien schuld, ebenso wie eine gewisse Verarmung der Sprache, neben dem Bedeutungswandel. Heute sagt man ja Schuhcreme und nicht mehr Stiefelwichse.

    Ich habe eine ganz alte Ausgabe von Onkel Toms Hütte, seit meinem achten Lebensjahr. Frau Schröder würde in Ohnmacht fallen – soviele Neger kommen darin vor, die auch noch so genannt werden. Wie will man denn das politisch korrekt umlektorieren, ohne daß der gesamte Sinn verloren geht?! 😉

    Viele Grüße, Sathiya

  7. So, nun komme ich endlich dazu, auch ein paar Worte zu dem Artikel zu schreiben 🙂 Ich bin nämlich ganz deiner Meinung.

    Zum einen denke ich mir als Leserin natürlich meinen Teil. Wenn ich ein Buch lese, das vor 100 Jahren geschrieben wurde, muss ich mir doch klar darüber sein, dass Formulierungen darin sind, die man heute nicht mehr sagen würde.

    Zum anderen bin ich natürlich auch Mutter und versuche mit meinen Kindern meine Freude am Lesen zu teilen. Gerade die Bücher von Ottfried Preußler liebe ich wegen der Sprache. Sie sind einfach schön geschrieben. Ich habe sie meinem Sohn vorgelesen, so wie es da steht. Wenn etwas vorkam, das Erklärungsbedarf hatte, hat er entweder selbst nachgefragt oder ich habe ihm es so erklärt – und mal ehrlich? Ich stehe heute immer noch vor dem Problem, dass ich nicht genau weiß, wie die politisch korrekte Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe ist. Es sind für mich natürlich keine „Neger“, aber die Umschreibung „Menschen mir dunkler Hautfarbe“ kann auch nicht das Gelbe vom Ei sein. Aber gut, mein Sohn versteht, was ich damit meine und ich glaube, ihm ist es genauso egal, welche Hautfarbe jemand hat, wie mir.

    Worüber ich mich aber zum Beispiel auch schon geärgert habe ist der Abklatsch von Klassikern der Kinderliteratur. Auf der Suche nach einem Geschenk für Söhnchen bin ich über Bilderbücher zu Jim Knopf gestolpert und habe mich über diese sehr einfach gehaltene Sprache tüchtig geärgert. Das klang einfach nicht wie das Original von Michael Ende. Warum kann man Kindern nicht zutrauen, dass sie auch komplexere Sprache verstehen? Sie müssen sich ja auch mit ihren Großeltern unterhalten können und diese sprechen manchmal auch „altbacken“.

    Alles in allem: ich halte nicht viel davon, Bücher an eine moderne Sprachweise anzupassen.

    • Dein „Bekenntnis“ finde ich sehr schön: Auch ich stolpere zumindest still und innerlich oft noch und frage mich, war das jetzt die richtige Bezeichnung, weil sich das zumindest in meiner bewussten Lebenszeit schon mehrmals geändert hat …

      • Ich stolpere ständig über solche Dinge, weiß nicht, wie der aktuelle, politisch korrekte Stand ist. Haben Menschen heutzutage noch eine Behinderung, ist es ein Handicap? Ab wann ist jemand alt oder gibt es nur noch Senioren? Und leben diese Senioren in Heimen, in Stiften in ich-weiß-nicht-was? So gerate ich regelmäßig ins Trudeln, bis es erst recht unangenehm wird für alle Beteiligten.
        Auch wenn vieles sicher gut gemeint ist – ein neues Etikett allein reicht nicht, solange sich in den Köpfen nichts ändert.

        findet
        Marie

  8. Wenn ich meinen Kindern besagte Bücher vorlese, tausche ich rassistische Wörter immer aus. Warum?
    Weil wir mitnichten in einer Welt leben, die frei von Rassismus, Antisemitismus usw. ist (ein Freund ist Lehrer und berichtet von dem heutzutage – wieder – auf dem Schulhof gebräuchlichen Schimpfwort „Jude“.) Weil viel zu wenig Reflektion über den Gebrauch von Wörtern im Alltag stattfindet. Weil hin und wieder Menschen in unserer Umgebung ganz selbstverständlich noch Wörter wie „Neger“ verwenden. Weil die Kinder das mitbekommen und in sich aufsaugen – und ich nicht ständig und in jeder Situation um sie herum bin und aufklären kann. Weil ein Begriff, je öfter er gehört und gelesen wird, sich einprägt!

    Mich nerven z.B. die „Negerkinder“ bei Pippi Langstrumpf. Wieso sollte es ein Eingriff in die Freiheit der Literatur und der Kunst sein, sie in „Inselkinder“ oder dergleichen zu verändern?
    Dabei mache ich einen gewaltigen Unterschied zwischen „altbackenen“ Wörtern und ganz klar rassistischen. Von mir aus darf eine Figur in einem Buch gerne die Schuhe wichsen. Aber wenn ich Kindern einen unterschwellig völlig harmlos daherkommenden Rassismus ersparen kann, dann bitte, ja!!!

    • Die Diskussion zeigt ja, dass man da sehr unterschiedlicher Meinung sein kann. Es macht für mich allerdings einen sehr großen Unterschied, ob du beim Vorlesen diese Entscheidung für dich und dein Kind triffst oder ob Dritte, also auch ein Verlag, dies tut. Das habe ich ja auch differenziert im Beitrag. Der Text und die Rezeption des Textes sind zwei weitgehend eigenständige Vorgänge für mich. Man könnte natürlich auch sagen, das Gespräch über den Text MIT diesen Worten ermöglicht das Gespräch mit Kindern darüber, dass es Dinge wie Rassismus in dieser Welt gibt, die die Kinder ja auch schon außerordentlich früh mitkriegen. Ob und wann und wie man das als Vater oder Mutter will, muss jedoch jeder für sich und sein Kind entscheiden. Da würde ich mich auch nicht aufschwingen, jemand Vorschriften zu machen.

      • *stimme zu*
        Mich nervt 😉 bei Preußler eines viel mehr: die extrem infantile Sprache. ich habe bei Vorlesen beispielweise mindestens die Hälfte aller „kleinen Hexen“, „kleinen Wassermänner“ und „kleinen Schloßgespenster“ weggelassen, weil ich vom Vorlesen derselben Fransen am Mund hatte… 😉 Das wäre doch mal eine Verbesserung! Die Negerlein können meinetwegen bleiben – solange sie nicht öfter als einmal pro Kapitel auftauchen. 😉

  9. Ich bin ebenfalls der Meinung, daß das nicht geht, was der Verlag hier vorhat (Andere allerdings haben es ja schon vorexerziert – die Neuübersetzungen von Pippi Langstrumpf und Enid Blyton etwa, und auch über die Übersetzung des Simplicissimus vom Deutschen ins Deutsche macht mich eher fassungslos). Neben den kuturellen und kulturgeschichtlichen Aspekten gibt es noch einen weiteren : ich bin behindert. Ich habe den Wandel der Sprachregelungen im Falle von Behinderungen zum Teil miterlebt. Das Wort „Krüppel“, mir nur aus eher geschichtlichen Zusammenhängen und der Protestbewegung Behinderter bekannt, wurde ersetzt durch Versehrte, Schwerbeschädigte, Schwerbehinderte bzw. Behinderte. Und nun kann man mal raten : das neue Schimpfwort ist statt Krüppel nun behindert. Die Lehre daraus : man kann jeden noch so politisch korrekten und gutgemeinten Begriff ins Böse wandeln. Man muß nur wollen. Und Sprachregelungen können eben eins nicht leisten, auch wenn sie es gern wollten : das Bewußtsein der Menschen ändern. Hier helfen allein Aufklärung und direkte Begegnungen.

    • Oh, jetzt habe ich weiter oben kommentiert und sehe gerade, dass du genau das ansprichst, was ich auch finde: Egal wie gut etwas gemeint ist, man kann es immer ins Gegenteil verkehren.

  10. Pingback: HW – 006 | Hörweide

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