Darf’s ein bisschen mehr sein? Oder: Wie die Wurst in die Buchhandlung kam!

Frank Maria Reifenberg spricht mit der Buchhändlerin und Genießerin Regina Moths über sattelfeste Gefährten, Freundsortiment und ihre Fähigkeit als Heilerin.

Regina Moths feierte 2012 ein Jubiläum: 20 Jahre ist sie Buchhändlerin, seit 1995 in der eigenen Buchhandlung, die den schlichten Namen LITERATUR MOTHS – EINLADUNG ZUM GENUSS trägt. In München – nahe der S-Bahn-Haltestelle Isartor – verführt sie auch mich mindestens dreimal im Jahr zum Kauf von schönen Büchern, die ich dann fast 600 Kilometer weit nach Hause schleppe. Dazu muss sie gar nicht viel tun. Sie legt sie einfach in ihren Laden. Aber gerade das macht es aus, wie sie mir schnell erklärt. Auswahl. Weglassen. Weniger ist mehr – anders als bei der Wurst.

Wurst bei Moths

Frau Moths, was unterscheidet Literatur Moths von anderen Buchhandlungen?

Es geht mir eigentlich nicht darum, mich von anderen Buchhandlungen zu unterscheiden, sondern als Laden an sich ein besonderes Merkmal zu haben. Auswählen, lesen, sich dagegen entscheiden und dann: Weglassen, was nicht wirklich gut ist. Das ist die Hauptarbeit. Das Ganze ergänzen wir mit Details und zusätzlichen Angeboten, die eine heitere Grundatmosphäre schaffen und den „heiligen“ Status einer Buchhandlung brechen. Viele sagen, das ist eine rein literarische Buchhandlung, wir suchen ja nur was zur Unterhaltung. Und dann sage ich: Da sind sie genau richtig hier!

Den Eindruck hatte ich bei meinem letzten Besuch im Oktober ganz gar, bei ihrem grandiosen Schaufenster, das die Rolle der Wurst in der Literatur beleuchtete!

Wo und wann bietet sich ein Wurstfenster besser an als zum Oktoberfest? Irgendwann hat man keine Lust mehr zum Oktoberfest nur weißblaue Fähnchen ins Fenster zu hängen und wir hatten diese Aufschnitt-Damen kennengelernt, das sind zwei Berliner Schneiderinnen, die feine Stoffwurstwaren produzieren AUFSCHNITT Berlin. Die waren auch handwerklich so umwerfend gut gemacht, dass ich unbedingt ein Schaufenster damit gestalten musste.

Wir haben dann ziemlich amüsiert festgestellt, dass wir über ein breites Spektrum an Wurstliteratur verfügen. Mein liebstes Wurstbuch heißt die „Mortadella“ von Christoph Hänsli (Edition Patrick Frey), der eine Mortadella in Scheiben geschnitten und jede Scheibe einzeln fotografiert und gemalt hat. Dieses Buch besteht aus einer Bildserie vom Schnurpselchen links bis zum Schnurpselchen rechts. Dann die Sammlung von Vincent Klink, Wiglaf Droste und Nikolaus Heidelbach, die haben eine wunderbare Wurst-Seh-Sammlung gemacht. Dazu haben wir ein Kochbuch „Vegetarisch für Fleischesser“ dekoriert usw. Schaufenster sind für uns sehr wichtig, weil wir nicht so viele Möglichkeiten zur Werbung haben.

Hat die Wurst neue Kunden in die Buchhandlung gelockt?

Ja, viele kamen nur wegen der Wurst rein, auf jeden Fall. Und wir sehen ganz oft Leute, die unsere Schaufenster fotografieren. Auch bei den Schaufenstern ist uns diese Heiterkeit wichtig, dass die Leute keine Angst haben reinzukommen. Wenn sie mal da sind, sehen sie, dass das keine heilige Halle ist, wo man sich nur flüsternd unterhalten darf. Hier kann man sich aufhalten, seinen Tee oder Kaffee trinken, kann sich umschauen und darf auch ohne was wieder gehen.
Wir wollen keine Solidaritätskäufer. Es würde nie jemand in ein renommiertes Geschäft gehen wie Dallmayr und an der Kasse sagen, also wissen Sie, ich kaufe meine Schokolade beim Dallmayr, weil ich solche Läden unterstützen will. Man geht hin, weil man eine Qualität sucht und findet, die man sich leisten möchte. Und das erwarte ich bei uns auch. Ich will kein Schulterklopfen und kein ‚wir unterstützen euch kleine Buchhandlungen’. Da sage ich: Das müsst ihr nicht! Unterstützt die, die euch von der Qualität her entsprechen, die gut sortiert sind. Ich will keine falsche Unterstützung. Die ist mir auch zu launisch.

Hat sich Ihre Lage in den letzten 2 Jahren verändert?

Sie ist besser geworden. Es hat sich endlich rumgesprochen, dass wir auch eine Internetbuchhandlung sind und es schon 10 Jahre vor Amazon waren. Außerdem gibt es mittlerweile auch eine Art Netzwerk von Verbindungen und Unterstützern. Wir werden in vielen Städteführern empfohlen, z. B. im Cityguide von Louis Vuitton. Auch dieses Publikum findet etwas bei uns.
Es kommen auch Leute aus anderen Teilen Münchens, weil sie wissen: Wenn sie etwas Besonderes suchen, dann finden sie es hier. Das ist unser Credo: wir finden die besonderen Sachen für unsere Kunden. Natürlich sind wir auch eine klassische Stadtteilbuchhandlung.

Moths innen …

Wie viel macht die „Internetbuchhandlung“ aus?

Soviel, dass wir nicht darauf verzichten möchte. Es gehört einfach zu einem Serviceangebot, das ist für den Buchhandel selbstverständlich und zwar seit 20 Jahren: Wir besorgen fast jedes Buch bis zum nächsten Tag, das ist keine Erfindung von Amazon. Dass wir als Branche den Kunden das nicht besser klar gemacht haben, grämt mich wirklich.
Dass Amazon das geschafft hat, geht auch nur, weil es auf einer Logistik fußt, die vorher auch schon funktioniert hat und es weiterhin tut, nur wird es nicht mit dem Buchhandel in Verbindung gebracht wird. Das Branchenmarketing ist in dieser Hinsicht ein Fiasko! Bei den Apotheken, die als einzige einen ähnlichen Besorgungsservice haben, wissen das alle. Bei uns Buchhandlungen nicht.

Im Moment ist die nächste Umwälzung im Gange: elektronisches Lesen, Ebooks, Apps …

Wir sind so genervt über ein Thema, dass eigentlich bisher kaum eine Rolle spielt. Wir werden über das Börsenblatt und die Fachjournale überschüttet mit diesem Thema, und wir haben gar keine Besteller, keine Interessenten, die es abrufen. Mag sein, dass wir Leser haben, die sich damit gar nicht so beschäftigen. Es sind sicher viele, die sich sonst schnell noch auf dem Flughafen den Dan Brown kaufen.
Ich finde Ebooks total praktisch, das erspart mir all die schlechten Leseexemplare, die sich sonst hier stapeln würden. Ich kann sehr schnell über die Leseproben aussortieren, was sowieso nicht passt: Sound stimmt nicht, Stil stimmt nicht, brauchen wir nicht, löschen.
Umsatzmäßig spielt es keine Rolle. Das wird es erst, wenn die Frage der Endgeräte und der Formate geregelt ist. Niemand wird auf Dauer ein Tablet, einen Kindle und ein Smartphone mit sich rumschleppen. Außerdem glaube ich, dass das Lesen  eine Art von Aneignung ist, zumindest bei Leuten, die Belletristik lesen. Die wollen sich die Bücher auch in den Schrank stellen.
Von den Verlagen fühlen wir uns da verraten und verkauft. Das ist ein Geschäft, in dem der Buchhandel nie, nie vorgesehen war, weder von den Verlagen noch von den Autoren. Das sollte an uns vorbeigehen. Und diese Versuche, das noch irgendwie zusammenzustricken, waren genauso unprofessionell, wie das restliche Branchenmarketing auch.

Haben Sie das Gefühl, der Zug ist abgefahren?

Solange die Vielfalt von Formaten und Readern besteht, glaube ich: ja.  Ich weiß nicht, wo diese „Revolution“ stattfindet, nicht im Buchhandel jedenfalls. Wir werden das weiter aufmerksam verfolgen, das haben wir immer, ich fürchte mich da nicht. Unsere Kunden werden da Mischpublikum bleiben. Die werden sowohl Bücher kaufen wie auch Ebooks runterladen.

Literatur Moths hat auch ein Sortiment und – soweit ich es beurteilen kann – Kunden, die nicht zu den klassischen Ebook-Leser gehören. Hier steht doch eher das schöne Buch, besonders auch das schön gemachte Buch im Vordergrund. Wie stark beschäftigen Sie sich mit den neuen Formen des Publizierens? Stichworte sind da: Self Publishing, Literatur im Netz, Literatur-Blogs.

Ich brauche sattelfeste Gefährten und das sind immer noch die Literaturkritik in der Zeitung, Redakteure in den Rundfunkhäusern. Ich kann mich beim besten Willen nicht damit befassen, was in den Blogs alles diskutiert wird, da werde ich verrückt. Mein Tag beginnt jetzt schon um 6 Uhr morgens, da werden Tages- und Wochenzeitungen, Literaturkritik gelesen, nur um einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben. Und mich dann auch noch in die Kommentare, Internetrezensionen, Blogs reinzustricken, das sprengt mein Zeitbudget. Ich muss  ja auch noch lesen. Ich weiß nicht, was für eine Welle da im Self Publishing kommt. Ob das mit dem klassischen Buchmarkt jemals kompatibel sein wird, weiß ich nicht.

Ein bisschen ist Literatur Moths vier Läden, vorne die Belletristik, dann die Büchergilde, das Kinderbuch und … hinten. Ich weiß gar nicht wie ich den hinteren Teil nennen soll. Der hängt mit dem Schild draußen am Laden zusammen und wir kommen da wieder zur Wurst: die Ermunterung zum Genuss.

‚Ermunterung zum Genuss’ ist ein Titel einer kleinen Essay-Sammlung von Franz Hessel, dem  Vater von Stéphane Hessel. Auch die Beschriftung unseres Schaufensters ist von Franz Hessel, ein Flaneurtext.

Ein wunderbarer, poetischer Text! Kaufen!

Wir haben uns vor fast drei Jahren entschlossen ein Kochbuch-Kabinett einzurichten, also alles rund ums Thema Genusskultur und die Investition hat sich gelohnt, dass wir da hineingesteckt haben, vor allem auch Zeit, das ist nämlich das Wertvollste, was wir haben. Es wurde sehr gut angenommen. Besonders Kunden, die zum ersten Mal den Laden betreten, können sich da ganz vertraut bewegen, weil das ein Materie ist, die einen erstmal nicht abschreckt. Das ist nicht ein Autor, den man nicht kennt, das ist nicht ein Thema, zu dem man nichts sagen kann , das ist nicht eine Kunst, wo man nicht in der Ausstellung war. Man kann ein bisschen blättern und stöbern. Kochen und Essen, das hat Leichtigkeit, die wir in allen Bereichen pflegen.

Was ist gute Literatur für Sie?

Gute Literatur ist für mich die, die man gerne und flüssig liest. Meine persönlichen Helden wie Balzac und Dickens waren reine Unterhaltungsliteraten und sie waren stolz darauf. Die wollten nie etwas anderes sein. Und sie lebten ja auch davon!

Dickens war übrigens so eine Art Self Publisher, der sogar eigene Zeitschriften gründete, in denen seine Bücher als Fortsetzungsromane erschienen.

Ja, und Mark Twain auch. Wenn die nicht flott geschrieben haben, wurde die nächste Ausgabe nicht gekauft, dann sah es düster aus.

Sie führen auch sogenannte Nonbooks. Da verdreht der gehobene Buchmensch erst einmal die Augen!

Wir haben genau ein Lesezeichen, aber keine Lesebrillen oder Filzhüllen für Bücher oder sonstigen merkwürdige  Leseaccessoires. Die Nonbooks, die wir führen sind nicht Fremdsortiment, sondern Freundsortiment, unsere Galanteriewaren, die passen immer in den Horizont unserer Buchauswahl. Das eine darf nie das andere verraten. Wir suchen sehr gezielt aus oder lassen anfertigen, wie die Wurstwaren. Wir gucken immer, hat es den Hüftschwung, den wir auch beim Sortiment suchen, hat es eine ironische Distanz.
Wir lieben die Düsseldorfer Blechfabrik, die auch ihre Restbestände für uns aufmacht und sagt, wir haben da noch ein paar ganz wenige von den Flash Gordon–Raketen. Manchmal geht’s auch ein bisschen mit uns durch (lacht). Wir sortieren die unter die Bücher, das erzählt sich dann auch schon mal Geschichten. Es ist nicht nur Merchandising an der Kasse.

Mein Lieblings-Freundsortiment bei Moths

Mein Lieblings-Freundsortiment bei Moths

Was muss ein Kinderbuch tun, um ins Regal bei Literatur Moths zu kommen?

Von Kindern geliebt werden! Kinderbuch war schon immer ein Schwerpunkt. Wir haben einen großen Bezug zu Illustration, Zeichnung, Grafik. Das Bilderbuch ist immer auch ein gutes Sprungbrett für Illustratoren, und wir gucken uns die genau an. Ich bin der Überzeugung, dass Kinder oft wesentlich avantgardewilliger sind als ihre Eltern, Omas, Tanten und Onkels. Es gibt wirklich viele Bilderbücher, die man hier entdecken kann. Das erwartet unsere Kundschaft auch. Und wir verkaufen davon auch viel, die gehen teilweise wie geschnitten Brot.
Wir haben ein Publikum, das Kindern vorliest, wo noch Raum fürs Lesen geboten wird. Also brauchen wir auch gute Vorlesebücher, Erstlesebücher. Wir haben die Kunden, die für ihre Kinder Bücher kaufen und von uns auch erwartet, dass wir das anbieten. Auch hier geben wir uns größte Mühe mit der Auswahl. Kinderbuch ist ja ein Bereich, bei dem ich immer wieder erschüttert bin, welche furchtbaren Entgleisungen es gibt. Das haben Kinder wirklich nicht verdient.

Haben sie junge Kunden? Also, junge selbst kaufende Kunden.

Ja! Oder sie kommen mit den Eltern und separieren sich und schauen sich getrennt um. Denen sage ich immer: Wenn es nicht gefällt, bringt es mir wieder.

Als ich Regina Moths dazu verführen will, bei meiner Buchtipp-Reihe „4 Bücher für 4 Jungs“ mitzumachen, wird es kompliziert. So einfach geht es nicht, denn die Buchhändlerin ist plötzlich in ihrem wirklichen Element: der Beratung. Nein, einfach vier Tipps abgeben will sie nicht so richtig.
Sind es vier Jungs aus einer Familie oder aus unterschiedlichen’, will sie wissen. Wenn sie aus einer Familie sind, solle man Sachen auswählen, die auch der Ältere dem Jüngeren vorlesen kann. Ab 14 müsse man die jungen Kunden sowieso sehen, da gehe es nicht so ins Blaue und man wolle sie doch nicht durch eine falsche Empfehlung verlieren, das gehe ganz schnell! Man habe so eine wahnsinnige Verantwortung, sonst verlöre man sie, nicht als Kunde, sondern als Leser.

Regina Moths mit Orlando

Und ich glaube es ihr. Gerade bei diesem Publikum geht es ihr um die Leser, nicht ums Geld. Ich quäle sie nicht weiter, ich habe ihr sowieso den knappen Feierabend abgeschwatzt, der auch noch weiter warten muss, weil „nebenher“ wird noch eine Ausstellung organisiert, Autorenlesungen stehen an und dann kommt noch Orlando ins Spiel. Er muss mit aufs Bild, darauf bestehe ich. Ein Ring mit Geschichte: „Wir feierten“, sagt Regina Moths, „die geniale Übersetzung von Melanie Walz zu Virginia Woolfs Roman „Orlando“. Darin schenkt die Königin Orlando einen Ring. Die Münchner Schmuckkünstlerin Susa Beck ließ sich davon und dafür entzünden und schuf das Modell „Orlando“.
Und dann konnte ich ihr doch noch den ein oder anderen Tipp entlocken und sie überrascht mich, denn es sind nicht unbedingt Titel, über die man eine Abiturklausur in Deutsch schreibt: Finsteres Tal, Deadwood oder Winterbone gehören dazu. Oder Tschick von Wolfgang Herrndorf. „Das war ein Segen, dieses Buch“, sagt sie und die Inbrunst, die sie in das Wort
Segen legt, hat etwas religiöses.

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