sie liebt mich. nicht.

Vier Ideen „liegen herum“. Welche soll ich angehen? Nummer 1: sie liebt mich. nicht., die Geschichte eines fünfzehnjährigen Mörders (der Link führt zur PDF-Datei).

Cover "sie liebt mich. nicht."

Die Forderung geliebt zu werden, ist die größte aller Anmaßungen.
(Friedrich Nietzsche)

 1

Ich habe ihr Leben genommen. Alles Leben aus ihrem Körper getrieben, ausgelöscht, als sei es nie da gewesen. Leere, wo vorher ihre Milchhaut floss, in die ich meine Hände tauchen durfte. Mord aus niedrigen Beweggründen. Aus Liebe. Mit fünfzehn Jahren. Für den Rest meines Lebens. Mörder. Ich muss leben. Ich habe keine Wahl. Vier Stiche, davon drei tödlich. Sie hatte keine Wahl. Jeder der drei wäre tödlich gewesen, jeder für sich, sie hatte eine Chance von drei zu eins. Keine Chance von drei zu eins. Es gibt keine Ausreden. Ich weiß nicht, welcher Stich der nicht tödliche war. Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet. So steht es im Gesetz.
Ich wollte es, in diesem Augenblick wollte ich es.
Ich war Herr meiner Sinne.
Zurechnungsfähig, schuldfähig, deliktfähig. Neue Worte in meinem Leben. Worte, deren Gewicht und Wirksamkeit ich erst nach und nach begreifen lernte. Worte in einer endlosen Kette von Begriffen, die mich bestimmen sollten, die mir angeklebt werden sollten wie ein Etikett auf einem Päckchen Hackfleisch in der Supermarkttheke, kalt ausgeleuchtet, Abfülltag, Zusammensetzung, Verfallsdatum. Herr meiner Sinne. Riechen, schmecken, sehen, hören, tasten. Alles, was ich wollte. Sie riechen, schmecken, sehen, hören, tasten, immer wieder tasten, tasten, die Haut, die über dem kaum sichtbar hervortretenden Wirbel zwischen Nacken und Schulter spannte, die Haut in ihrem Nabel, ihre Hände, innen, wo sie so zart war, als habe sie noch nie etwas berührt, das gröber als das Fell eines jungen Kaninchens war.
Unschuldig, unschuldige Hände, Hände in Unschuld gewaschen.
Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln. Ich war nicht gestört, nicht schwachsinnig, nicht abartig. Ich war verliebt. Paragraf zwanzig. Schuldfähig. Schuldig.

2

Sie hat mich an diesem ersten Tag vor sieben Monaten berührt. Die Härchen auf meinem Arm lachten, jede Zelle lachte vor Glück, unverschämt, so schön, so, so schön konnte eine kleine Berührung sein, ein kurzer Hauch von Berührung nur, der aber gereicht hatte, alle Haare aufzustellen, am ganzen Körper, die kleinen im Nacken und die am Bauchnabel, an den Schenkeln, alle lachten und stellten sich auf. Vor Glück. Ich konnte jedes einzelne spüren. Mich hatte noch nie jemand berührt. Ich war angefasst, gepackt, gedrückt, auch geschlagen worden, aber nie berührt.
Die will nichts von dir, haben alle gesagt, die kann ganz andere bekommen, die kann jeden haben, mit dir fängt die nichts an, nichts. Sie jedoch hat sich hingesetzt, ganz nah, viel zu nah, für nichts. Für nichts viel zu nah. Für nichts setzte man sich nicht so, nicht so nah, nicht so, mit den Händen neben den Beinen aufgestützt, dass sie sich berühren konnten, mussten, wollten. Sie wollte. Ihre linke Hand an meiner rechten.
Ich bin der König der Welt, habe ich gedacht. Gedacht, nicht gesagt, weil ich es nicht gesagt hätte, sondern geschrien, schreien hätte ich es müssen, wie in dem Film, in dem das Schiff am Ende untergeht und der Junge stirbt im eisigen Wasser. Er stirbt und das Mädchen nicht. Er war einmal der König der Welt, das dachte er jedenfalls und ich dachte es auch in diesem Moment, ich dachte es von mir. Ich hatte noch nie so etwas über mich gedacht. Jeder sollte einmal in seinem Leben der König der Welt sein, nur für eine Viertelstunde vielleicht oder kürzer.
Ich mag Wolken, sagte sie, und sie schaute nach oben. Sie setzte sich neben mich und sagte: Ich mag Wolken. So richtige Wolken, keine graue Suppe, Wolken mit was drin, sagte sie.
Mit was drin. Wolken mit was drin. Ich hatte keine Ahnung, was drin sein sollte, aber das war egal, dort auf der Mauer. Später habe ich mich oft gefragt, was drin war in den Wolken, was drin ist. Vielleicht ist es noch drin, aber ich kann es nicht sehen, konnte es nie sehen. Das ist eine Strafe, wenn du nicht sehen kannst, was in den Wolken ist, das habe ich aber erst viel später gemerkt.
Es gab viele Wolken an diesem Tag, der genau so brütend begonnen hatte wie alle Tage dieses Sommers. Es braut sich etwas zusammen, sagte meine Tante, bei der es Frühstück gab und Mittagessen und Abendbrot, jeden Tag, anders als bei uns zu Hause. Alle warteten auf die Erlösung, begierig einige und andere ängstlich. Die Vögel im Holunderbeerstrauch am Ende der Mauer plusterten immer wieder ihre Federn auf, tippelten auf den schwankenden Ästen von einem Bein auf das andere, schwiegen jedoch, gaben keinen Ton von sich, obwohl sie sich noch kurz vorher mit ihrem Trillern zu überbieten versucht hatten. Vielleicht hatten sie Angst, mit dem geringsten Ton den Sturm herauszufordern, heulende und tosende Antwort auf ein vorwitziges Piepsen.
Sie berührte mich an diesem Tag auf der Mauer, ich habe es genau gespürt, nicht einfach so, nicht zufällig. Sie rieb ihre Handkante ganz leicht an meiner und schaute in die Wolken und ich machte mir Sorgen. Hoffentlich schwitzen deine Hände nicht so schrecklich, dachte ich.

3

(eigener Bericht/Deutscher Pressdienst) Sie waren nur drei Wochen ein Paar: Christian S. (15) und die gleichaltrige Amelie K. Aus der zarten ersten Liebe wurde ein Todesdrama: Als Amelie ihm sagte, dass sie Gefühle für einen anderen Jungen habe, holte ihr Freund ein Messer und stach zu (GENERALANZEIGER berichtete). Jetzt sitzt der Junge in Untersuchungshaft – wegen „Mordes aus niedrigen Beweggründen“ so die Staatsanwaltschaft. Amelie und Christian – ein ungleiches Paar: sie besuchte erfolg-reich die Klasse 10 der Städtischen Realschule. „Der Junge hatte Probleme in der Hauptschule, schaffte die 7. Klasse nicht. Er ging nach den Sommerferien gar nicht mehr zur Schule“, so die Ermitt-lungsbeamten. Am Sonntag fuhr der Junge mittags zu Amelie, die in einer Reihenhaussiedlung am Stadtrand wohnte. „Sie waren normal, hatten keinen Streit“, so eine Nachbarin, die das Paar wohl als Letzte gesehen hat. In ihrem Zimmer sagte Amelie ihm dann, dass es da noch einen anderen Jungen gebe. „In seinem Geständnis gab er an, dass er sich in diesem Moment entschlossen habe, sie zu töten“, berichtet der Chefermittler. „Der Junge holte ein Messer und stach zu.“ (mk)

4

Beim ersten Blick, als sie an der Haltestelle gegenüber ihrer Schule aus dem Bus gestiegen war, wusste ich es. Ich hatte mich an die Mauer gelehnt, weil ein Kieselsteinchen unter meinem Fußballen drückte und ich es rausholen wollte. Ich stand nie an dieser Haltestelle, ich fuhr nie mit dem Bus, ich hatte Angst vor Bussen, aber an diesem Tag lehnte ich dort an der Mauer, der Mauer auf der es drei Wochen später passieren sollte.
Alle starrten sie an, ihre glatten braunen Haare, haselnussbraun, auf der linken Seite gescheitelt, sodass sie beim Blick hinab auf die zwei Stufen am Ausgang des Busses ihre rechte Gesichtshälfte verdeckten, darüber flossen wie ein dicker Strom geschmolzener Vollmilchschokolade, bis sie ihre Sonnenbrille nach oben schob und die Haare dort feststeckte. Dabei schaute sie auf, verharrte einen Herzschlag lang und verfing sich mit ihrem Blick in meinen Augen.
Alle hatten es bemerkt und weil sie es bemerkt hatten, schossen sie gleich los. Die kann ganz andere bekommen, nichts mit dir, die nicht, never. Ich habe nichts gesagt. Ihr Bild brannte sich in mein Gehirn, so tief, dass es nie mehr ausradiert werden konnte.
Hellgrüne Flipflops, die auf beiden Füßen einen länglichen Striemen hinterlassen hatten, wund gelaufen, ein krustig roter Striemen, der immer wieder aufgescheuert wurde. Ich hatte noch nie so kleine und so schmutzige Füße an einem Mädchen gesehen. Zehen wie Perlen aufgereiht, staubige Perlen, die durch den Schmutz hindurch schimmerten, weil die noch winzigeren Fußnägel lackiert waren, fast durchsichtig, aber glänzend. Beine, gar nicht so schlank und lang, das wehende Kleid, genau so grün wie die Flipflops und mit klitzekleinen Blümchen übersät, die in eine wogende Bewegung gerieten, als der Bus anfuhr und die flirrende Luft um sein Heck herum verwirbelte. Keine Ärmel, nur zwei dünne Trägerchen, eines davon durchschnitt die Tätowierung oberhalb ihres rechten Schulterblatts. Etwas Halbrundes, eine Sichel, ein Mond vielleicht, ich konnte es nicht erkennen, weil sie ihre Tasche darüber warf. Der immer wieder geflickte Beutel war aus einer rosafarbenen Wolle gestrickt, ein dunkles rosa, nichts schreiendes, altrosa, wie sie mir später erklärte und nicht gestrickt, sondern gehäkelt. Ihre Lieblingstasche, irgendwann würde sie sich auflösen, aber weg-werfen würde sie sie nie.
Die schmale Furche auf meinem Rücken vom Nacken hinunter bis zum Steißbein rann ein Schweißtropfen hinab, der Wirbel für Wirbel überwand und sich dabei aufzuheizen schien, bis ihn der Gummibund meiner Shorts aufsaugte. Noch einen Millimeter weiter und ich hätte aufgeschrien, so sehr brannte dieses Rinnsal. Ich streifte mein T-Shirt über. Zu spät hatte ich gemerkt, dass ich mit nacktem Oberkörper und einem nackten Fuß auf der Mauer saß. Ein Fuß, der knochig und zu groß war, keine Perlen, keine schimmernden Zehennägel, zu lange Nägel, kantig geschnitten. Ein käsiger Fuß, der tagein, tagaus in Turnschuhen steckte. Der Schuh, aus dem ich das Steinchen geschüttelt hatte, lag vor mir auf dem Gehweg. Er musste mir aus der Hand gefallen sein, ohne dass ich et-was davon mitbekommen hatte. Ich angelte ihn mit dem großen Zeh und versuchte in die klamme Wärme hineinzuschlüpfen. Be-vor es mir wirklich gelungen war, rannte ich los, hinter ihr her, der Schuh schlappte, ich musste hüpfen, um ihn – ohne stehen zu bleiben – über die Ferse zu ziehen. Ich stolperte, fing mich wieder und rannte weiter.
Sie war verschwunden.
Es gibt Augenblicke, in denen man sich sicher ist, hundertprozentig sicher. Ich würde sie wiedersehen. Sie hatte es mir versprochen, mit ihrem Blick, das reichte. Es gibt Augenblicke, in denen ein Kieselsteinchen entscheidet, ein winziges Bröckchen, ein paar Gramm leicht, ein Nichts, ein graues Nichts, das alles entscheidet.
Danach hatte ich mich jeden Tag an die Mauer gelehnt oder draufgesetzt oder einfach davorgestanden. Sie war ausgestiegen. Genau dreiundzwanzig Mal und beim vierundzwanzigsten Mal, ich saß bei diesem vierundzwanzigsten Mal auf der Mauer, da hatte sie es getan. Sich gesetzt, neben mich. Ich hätte etwas sagen können, ein Zeichen hätte gereicht, denn sie hatte jeden Morgen diesen Augenblick beim Aussteigen aus dem Bus gezögert. Ohne ein Kieselsteinchen schaffte ich es nicht. Es gab kein zweites Kieselsteinchen und ich hatte gewartet, ich hätte auch zweihundertvierzig Tage gewartet. Bis es wieder ein Kieselsteinchen gegeben hätte. Oder sie sich setzte. Sie hatte sich gesetzt und gerieben, mit ihrer Handkante an meiner Handkante, Wolken, mit was drin. Ich war der König der Welt.

5

Username: manni135 / Datum: 22.01.08 17:45

Christian Törlessen lebt in Scheinwelt?! Oh, ja-! Das ist doch nur das Argument des Anwaltes, eine Strategie muss er ja verfolgen. Dann bedauert er auch noch die arme Mutter, die wird belästigt usw. Wo war denn die Mutter Frau Törlessen Erika, Dassselstr. 14, 50834 Grosshagen als der „liebe’“ Sohn nach Erziehung schrie??? Besoffen! Auch das sollte man erwähnen, die Versager-Familie lebt weiter, Amelie nicht. Was ist mit den Angehörigen, den Eltern der Amelie, kein Wort, keine Unterstützung, nur weil hier die „lie-be“ Mutter Ihren Herrn Sohn nicht mehr erreichte, dank Alkohol. Der Typ hat nichts anderes gesehen, die Mutter gehört in den Knast mit Ihrem Versager zusammen. Nun ruft die „Mutter“ auch noch im SUFF bei der Opferfamilie an und beschimpft diese!! Da sollte man ansetzen, wer mordet- Rübe ab!!! Das Opfer lebt ja auch nicht mehr! (GZ-Onlineforum)

(c) frank maria reifenberg

{Coverfoto unter Verwendung eines paste up, artist unkown. Sollte ich die Urheberrechte eines Künstlers verletzt haben, bitte melden.}

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