Basel retour oder: Warum Autoren einen Anker brauchen.

06:45 Uhr raus aus den Federn, am Bahnhof schnell noch einen Becher Kaffee und ein  Rosinenweckchen kaufen, lieber doch noch ein Schoko-Croissant dazu, 07:54 Uhr rein in den ICE, er ist jetzt schon ein paar Minuten zu spät, wird der Anschluss in Mannheim gehalten? Der freundliche Schaffner weiß es nicht. Mist, ich hätte doch schon am Vorabend anreisen sollen!

08:01 Uhr. Schluck Kaffee, „Nein danke, sehr freundlich!“ zu dem Herrn neben mir, der mir seine ausgelesene FAZ anbietet. Ich nähme sie ja gerne, aber ich habe noch zu tun in den nächsten vier Stunden bis Basel (wenn der Anschluss in Mannheim klappt, sonst vielleicht fünf, sechs, was weiß ich!?“) Ich muss doch die Lesung auf der Buchmesse noch überarbeiten, nicht die Lesung, sondern das, was ich lesen will. Heute Morgen will ich nämlich etwas ganz anderes vorlesen. Gestern sollte es noch der Anfang sein, aber ich habe kein gutes Gefühl mehr dabei, also: Ich beginne auf Seite 75 mit „Ich lag noch immer auf dem Asphalt.“

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Der Kaffeebecher ist schon leer, Rosinenweckchen und Croissant weggeputzt. Was muss ich zur Einführung sagen, wenn ich erst auf Seite 75 beginne? Ist das überhaupt besser? Da kommt die ganze Engel-Sache, wenig Handlung, doch, doch, du beginnst dort, das ist gut. Der Mann neben mir liest eine weitere FAZ, ich schiele rüber, die vom Montag. Vom letzten Montag. Aha, denke ich, heißt es nicht, dass nichts älter ist, als die Tageszeitung von gestern? Und Montag war vorvorvorvorgestern! Egal.
Die Einführungsworte sind skizziert, jetzt kürzen, alles raus, was Rückbezüge oder Ausblicke sind, die man bei einer Lesung nicht kapiert, nicht kapieren muss, weil man kriegt als Zuhörer ja nur diesen Teil. Und der muss stimmen, Spannung auf das ganze Buch erzeugen, die Leute nicht langweilen. „Frischen Filterkaffee, Kaltgetränke, Snacks!“, leiert eine junge Frau und bugsiert ihren Verkaufswagen durch den engen Gang. Ja. Filterkaffee, frisch oder nicht, Filterkaffee ist gut. Der Tag wird noch gut 14 Stunden haben, davon nur eine Stunde, in der ich das tue, wofür ich hier sitze und fahre, fahre, fahre. Das Messeprogramm ist eng, eine Stunde mit Fragen und Gespräch, mehr hat kein Autor.

Ich kürze, ergänze, schreibe neue Übergänge, klingt alles gut. Hoppla! Da kommt jetzt die Stelle mit der Nutte, dem Dildo und dem Puff, stelle ich gerade fest. Du hast das geschrieben, Frank, dann kannst du es auch vorlesen!, beruhige ich mich. Der Mann neben mir ist mittlerweile bei der Mittwochs-FAZ angelangt. Unglaublich: Er arbeitet die ganze Woche ab. Ich würde ihn gerne fragen, ob er das immer so macht und wie es für ihn ist mit dem „Nichts ist älter…“, aber ich traue mich nicht. Wäre aber gut, denn außer der Befriedigung meiner Neugier böte mir das Gespräch mit ihm auch noch Hirntraining. Angeblich hilft, jeden Tag ein Gespräch mit einem völlig wildfremden Menschen zu führen mehr als alle Kreuzworträtsel und Logeleien – gehirnmäßig gesehen.

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09:24 Uhr Mannheim. Der Anschluss klappt. Na, toll! Wenn ich drei Stunden Puffer einplane, klappt der Anschluss! Andererseits: Vielleicht kann ich mich am Ziel in irgendeinen verlassenen Hinterhof hocken und meine neue Lesung einmal proben. Das mache ich immer, ich lese mindestens einmal alles laut vor, um zu prüfen, ob ich mein eigenes Buch noch kenne. Und ob die Anschlüsse klappen. Nicht bahnmäßig gesehen, sondern nach den Kürzungen im Text. Vermutlich gibt es keine verlassenen Hinterhöfe in Basel. Die gibt es in Berlin und vielleicht in Köln, aber nicht in Basel. Das ist Schweiz, das ist ordentlich. Frank, denke ich, du hast Vorurteile, kann das sein? Wie soll man ohne Vorurteile durchs Leben kommen, bremse ich mich selbst aus. Leg jetzt den Landeplatz weg und tu was. Ich lese die Satzfahnen für mein übernächstes Buch, die Lektorin wird sich freuen, sie will es Dienstag, ich schicke es ihr schon Montag, dann hab‘ ich was gut bei ihr.

11:47 Uhr: Basel. Sonnig, ruhig, geradezu entspannt und: ordentlich. Haben Sie hier verlassene Hinterhöfe?, frage ich eine Frau in der Tram-Bahn, na gut, nur in Gedanken frage ich. Sie stützt ihre Hand auf einen Gehstock mit silbernem Knauf und ich befürchte, sie kann damit schnell und hart zuschlagen, wenn jemand ihr dumme Fragen stellt und sie Angst bekommt, dass der Kerl sie in einen solchen verlassenen Hinterhof zerren will.

Die Buchmesse ist kleiner als erwartet, aber wunderbar unaufgeregt. Eine luftige (ja, luftig, nicht lustig) Stimmung, in der Autorenlounge gibt’s Kaffee, ich muss bei jeder Frage, die man mir stellt, nachfragen, weil ich den Akzent doch nicht so ganz verstehe, vielleicht aber auch, weil ich jetzt schon müde bin. Frau Vogt, die sich schon seit Wochen freundlichst per Email um ihre Autoren gekümmert hat, tut das auch jetzt, legt aber noch einen drauf: ein bisschen goldener Glitzer im Lidschatten. Schlägt mir da gerade die Erinnerung ein Schnippchen? Egal. Ich will mich so erinnern, also hat sie den Glitzer gehabt.

Ich treffe Michael Borlik, einen sehr netten Kollegen, gerade durch mit der Lesung aus seinem  Krimi.  Wir tauschen ein paar Sätze aus, er muss schnell  zum Zug. Neben dem Jugendforum (wo wir lesen) hat ein cooler Radiosender sein Messe-Studio eingerichtet, mach dich auf was gefasst!, warnt er mich. Ich erzähle ihm die Geschichte von der Leipziger Buchmesse, wo ich nach der Lesung (ebenfalls im offenen Jugendforum) mich auf eine Treppe mitten in der Messehalle gesetzt und geheult habe. Seitdem bin ich messefest. Hart durchziehen, egal was kommt oder welche Trommelgruppe am nächsten Stand trommelt (in Leipzig eine brasilianische).

Noch drei Stunden. Frau Vogt versorgt mich mit einem Lunch-Gutschein und einem Getränke-Gutschein. Du bist Autor, die hungern doch für ihre Kunst, also löse ihn ein, Frank, schnell! Geschnetzeltes, Reis, Pilze, Milchkaffee. Ich bin nun noch müder, außerdem haben sie Sofas in dem Bistro, schlaf jetzt bloß nicht ein. Rundgang über durch die Halle, kleiner Blick zur großen Lesebühne, ich verstehe nichts, der Mann liest auf Schwyzertütsch. Jemand schenkt mir ein Büchlein mit dem Titel „Speed“. Es geht um Entschleunigung. Einer der Tipps: Schreiben Sie eine Oper, das entschleunigt ungemein. Stimmt nicht. Ich habe eine geschrieben, nichts entschleunigte sich, im Gegenteil.

14:00 Uhr. Noch einen Kaffee in der Autorenlounge. Ein Mann kommt rein. Kenn ich den? Oben rum sieht er wie ein Schriftsteller aus. Hemd, flanelliges Sakko mit aufgesetzten Taschen. Unten Cargo-Pants und Schuhe, mit denen er auch einen von den Bergen in der Gegend besteigen könnte. Alle sind plötzlich sehr bemüht um ihn, jetzt fällt es mir ein. Deutscher Buchpreis, Tellkamp, Uwe, dickes Buch, hochgelobt. Liest auch um 15 Uhr, im Hauptforum, na toll! Erstens würde ich ihn auch gerne dort erleben, zweitens wollen das wahrscheinlich auch die Besucher, die vielleicht zwei Sekunden mit meiner Lesung geliebäugelt hatten.  Immerhin hätte mir in diesem Fall der Jahresbeste leere Ränge beschert, gibt es da nicht dieses Zitat, dass man an der Stärke seiner Gegener gemessen wird?

Der folgende Dialog gefällt mir. Einer der sehr bemühten Leute (ich glaube, der war sehr, sehr wichtig, jedenfalls benahm er sich so ) schmeißt sich neben Tellkamp, lobt ihn und tut so, als seien sie seit Jahren befreundet. Das Buch hat er allerdings nicht gelesen. Muss er auch nicht, denke ich, auch wenn er den Autor gleich  vorstellen und befragen wird, ist schließlich ein sehr dickes Buch und Gottschalk hatte auch keine Ahnung von seinen Gästen. Tellkamp nimmt es mit  Gelassenheit hin und sagt: „Sie haben übrigens schon einmal einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Habe eine Ablehnung meines Manuskripts von Ihnen bekommen, handschriftlich, auf einer Karte, das ist schon erheblich mehr, als man gewöhnt ist!“ Dumm gelaufen. Mit seinem dicken Buch hat Tellkamp seinem Verlag (Suhrkamp) einen hübschen Bestseller geliefert. Der Verlag von dem sehr wichtigen Mann hat sicher andere schöne dicke Bücher und Bestseller!, würde ich gerne in das peinliche Schweigen rufen, aber ich mische mich lieber nicht ein.

14:50 Uhr. Ich lerne ganz kurz meine Kollegin Astrid Frank kennen, die genau vor mir dran war.  Hast du die Leute an den Stühlen festgebunden? Nein, hat sie nicht. Wir stellen fest, dass wir beide aus Köln kommen. Dann fahren wir in zwei Stunden gemeinsam zurück, oder?! Super, das tun wir. Astrid ist auf Anhieb sympathisch. Sehr sogar. Sie wird meiner Lesung lauschen, jetzt hab ich jemand, den ich angucken kann, das ist wichtig, ein freundlicher Anker unter den Zuhörern, der das Autorenboot vorm Wegtreiben mit der Strömung rettet, wenn er mit seiner Lesung Schiffbruch erleidet.

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15:00 Uhr. Genug Leute da, Tellkamp hat mir ein paar übrig gelassen, danke Uwe! „Zielgruppe“ ist nicht da, welcher Jugendliche geht auch am Samstagnachmittag zu einer Lesung. Ich hätte es nicht getan. Die Mischung macht es nun: Astrid, mein Anker, Erwachsene, aber auch Mütter mit Kids, höchstens zehn Jahre, eher drunter, neun oder gar acht? Ich werde nervös, weil die drastischen Stellen meines kurzfristig ausgewählten und ungeprobten Programms sind da nicht wirklich geeignet, zumal Mirco und Fabian sowieso eine freizügige Sprache haben.  Ich mache irgendeine schwachsinnige Einführung, an die ich mich nicht mehr genau erinnern kann. Astrid lächelt. Ich lese. Läuft gut. Der coole Radio-Sender sendet gerade nicht. Keiner geht raus, was in offenen Foren eigentlich immer passieren kann. Ich weiß, dass gleich die Dildo-Stelle kommt und ich fühle mich immer unwohler. Ich verhaspele mich. Ich bin eigentlich nicht prüde. Ich stehe auch zu dem, was ich schreibe. Trotzdem, unwohl, unwohler, unwohligst. Umschalten, Frank, sonst lächelt selbst Astrid nicht mehr!, schreibe ich mir jetzt vor. Ich lasse die Stelle einfach weg. Während ich lese checke ich die Stelle ein paar Zeilen weiter unten. Ja, kannste weglassen, merkt keiner, musst am Ende nur einen Absatz früher aufhören, da nimmste nämlich Bezug auf die Dildo-Sache. Gesagt. Getan. Applaus. Sehr interessierte Fragen zum Schluss, viel zum Tourette-Syndrom, wenig zum Buch.

17:13 Uhr. Abfahrt Basel Badischer Bahnhof. Astrid wird immer sympathischer. Wir reden ohne Punkt und Komma, ich natürlich mehr, so bin ich. Wir müssen aufpassen, dass wir in Karlsruhe den Umstieg nicht verpassen, tun wir dann auch nicht. Wer hat eigentlich gesagt, im Moment könne man nicht mit dem ICE fahren, alles Chaos wegen der Überprüfung der Achsen und so? Pünktlicher und besser wurde ich noch nie zu einer Lesung mit dieser Entfernung hin- und zurückgekarrt. Autorin und Autor verabschieden sich, lachen noch einmal darüber, dass das doch eigentlich verrückt ist mit diesen Lesereisen, aber auch schön.

21:30 Uhr. Zu Hause. Der Hund freut sich. Auf dem Tisch ein Zettel, ich solle doch auch noch zu Andreas kommen, der Rotwein schmecke bestimmt, schließlich stammt Martina aus einer Winzerfamilie. Und die sei auch da Rotwein ist gut am Ende eines Tages wie diesem. Finden die anderen auch. Und sie glauben mir nicht, dass man während man liest den Text ein paar Zeilen weiter unten nach der Dildo-Sache absuchen und in Gedanken ummodeln kann. Kann man. Ich kann. Vielleicht ist das eine Sonderbegabung. „Zur Not täuschst du an der Stelle einfach einen Hustenanfall vor, das funktioniert auch!“, beende ich die Diskussion darüber. Weil jetzt ist Feierabend. Prost.

|erstmals erschienen 2008 im Blog Landeplatz der Engel|

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