Helge Vogt zeichnet: Dinosaurier, Untote und einen Lügenbaron

Helge Vogt wollte als Kind Paläontologe werden. Irgendwann wurde ihm klar, dass er die Dinosaurier und Monster lieber zeichnet. Jetzt macht er das beruflich. Wer war also besser geeignet, Cornelius Delano Tuckerman ein Gesicht zu geben? Und seiner Seifenkiste, die wie ein Megalosaurus aussieht.

Helge, hast du als Junge gerne gelesen?

Wie wohl die meisten Jungs, war auch ich ein bisschen lesefaul. Ich bin aber ein riesen Hörspielfan gewesen. Die ???-Kassetten liefen bei mir, wie auch bei vielen anderen Kindern meiner Generation, zum Einschlafen. Deshalb find ich es auch besonders cool, dass ich für den Carlsen-Verlag die Cover der ???-Bücher malen darf!
HelgeVogtAber natürlich gibt es einen Haufen von Büchern, an die ich mich noch sehr gut erinnern kann. Aus früher Kindheit war da z. B. Malwine in der Badewanne von Stephen Kolleg: Ein Junge bekommt von seinem Onkel eine Kaulquappe, die dann aber nach und nach zu einem Dinosaurier heranwächst.

Aha, Dinosaurier-Erstkontakt!

Ja, Dinosaurier begleiten mich schon länger! Mein Lieblings-Jugendbuch ist jedoch Krabat von Otfried Preußler. Mich haben immer eher fantasievolle Geschichten interessiert. Außerdem habe ich gerne Comics gelesen: Asterix, Lucky Luke, Superhelden.

Gibt es andere Illustratoren/innen, die du besonders magst?

Mich inspirieren alle möglichen Künstler. Das reicht von Urban Art und Graffiti in den Straßen Kreuzbergs bis hin zu den alten Meistern in der Gemäldegalerie.

Was zeichnest du am liebsten?

Am liebsten würde ich immer alles machen! Wenn ich ein Exposé lese, stelle ich mir im Kopf schon eine schön umgesetzte Szene als Cover vor und freue mich darauf anzufangen. Durch den Termindruck und die anderen Aufträge wird das Fertigstellen aber dann doch meistens eher stressig.
Eine besondere Rolle spielen natürlich meine eigenen Ideen und Arbeiten. Der Großteil meiner Arbeitszeit geht im Moment für meine Comicserie „Alisik“ drauf, die ich mit Hubertus Rufledt entwickelt habe. Es gibt dort auch Deadlines, die eingehalten werden müssen. Deshalb musste ich schon öfters mal ziemlich coole Projekte ablehnen.

Und Alisik geht ja ziemlich ab, die wird dich sicher noch einige Zeit beschäftigen?!

Sie war ziemlich schnell auf Platz 1 im Ranking der Graphic Novels, das ist natürlich großartig. Aber Deutschland ist nur ein kleines Comicland und der erste Platz bedeutet nicht sooo viel. Ich hab mich natürlich trotzdem gefreut… Der zweite Band erscheint in wenigen Tagen.

Um was geht es in der Geschichte?

Ein Mädchen erwacht auf einem Friedhof umringt von Geistern, um kurz darauf festzustellen, dass sie selber tot ist. Das hindert sie aber nicht daran, sich in einen Jungen zu verlieben – einen LEBENDEN Jungen. Ich muss zugeben, dass die Entwicklung der Geschichte fast mehr Spaß macht als das Zeichnen selbst. Ich habe dann schon oft die Szenen bildlich vor mir. Aber diese Bilder dann für die Leser in Form meiner Zeichnungen sichtbar zu machen, ist richtig viel Arbeit.

eine Szene aus Alisik ...

eine Szene aus Alisik …

Beim Cover für ein Buch ist die Lage ja etwas anders, du musst dich da mit der Geschichte eines anderen auseinandersetzen . Kommt es vor, dass dir nichts einfällt?

Wenn mir Βücher angeboten werden, kennen die Auftraggeber meistens meine anderen Cover. Vor allem die Percy Jackson-Reihe ist sehr erfolgreich gewesen. Viele Anfragen gehen deshalb auch in diese Richtung: Abenteuerbuch für Jungs. Meistens überlegen sich die Verlage schon vorher, ob mein Stil passt. Ein Problem sind eher die Termine.

Wie gehst du vor, wenn ein Verlag dir einen Text schickt?

Beim Lesen müssen mir die Figuren sofort sympathisch sein und viele Bilder im Kopf erzeugen, das ist dann ein gutes Zeichen. Bei der Geschichte von Tucker war das so. Ich hab auf die ausgedruckten Seiten überall kleine Skizzen gemalt, von Szenen, die ich besonders lustig fand. Meine Ideen bespreche ich dann mit dem Verlag und im Idealfall auch mit dem Autor, danach arbeite ich die Skizzen aus. Manchmal liegen die Vorstellungen ein bisschen auseinander, dann ändert man Zeichnungen so lange, bis alle zufrieden sind. Oder zumindest der Verlag.
Bei Covern kann es auch schon mal passieren, dass der Text noch gar nicht fertig ist, aber schon ein Bild des Covers für die Programm-Vorschau benötigt wird. Dann muss ich das Cover anhand des Exposés zeichnen. Ich spreche das Motiv zwar noch mit Lektoren oder den Autoren ab, aber es ist auch schon vorgekommen, dass eine Figur auf dem Cover dann eine andere Haarfarbe, Frisur oder auch Füße statt Hufen hatte.

Wie arbeitest du mit den Autoren zusammen?

Oft sind die Bücher, deren Cover ich illustriere, nicht aus Deutschland. Es gibt dann im Ursprungsland meistens schon ein anderes Motiv und die Autoren lerne ich gar nicht kennen, was ich schade finde. Ein paar mal haben sich aber schon amerikanische Autoren bei mir gemeldet, weil sie sich für das schöne deutsche Cover bedanken wollten.

Wie sieht der Arbeitsalltag eines Zeichners aus, wenn er einen Buchauftrag zu erfüllen hat?

Eine wichtige Lektion, die ich als Zeichner lernen musste, ist das disziplinierte Arbeiten. Ich versuche gegen 10, 11 Uhr in meinem Studio (Büro) zu sein und dann gegen 20 Uhr wieder abzuhauen. In dieser Zeit muss dann aber auch was passiert sein, am besten ich habe etwas fertig.
Ich hab mein Büro damals mit ein paar Freunden gegründet. Ich habe aber meinen eigenen Raum. Ab und zu gehe ich mal rüber oder jemand kommt mich besuchen. Auf jeden Fall gehen wir aber immer zusammen Mittagessen. Oder wenn das Wetter schön ist, spielen wir eine Runde Tischtennis vor dem Haus.
Viele coole Ideen kommen mir aber auch oft, wenn ich mit dem Fahrrad nach Hause fahre. Oder vor dem Einschlafen. Deshalb habe ich auch immer Stift und Zettel neben meinem Bett…

Was sind die einzelnen Arbeitschritte?

Zuerst mache ich mehrere kleine Skizzen. Ganz klassisch mit Bleistift. Hier lege ich dann auch schon die Komposition fest. Ich bespreche die Skizzen dann mit dem Lektorat und wir entscheiden uns für eine. Danach arbeite ich eine größere Version mit Bleistift aus, die dann in den Computer gescannt wird.


Im Grafikprogramm füge ich dann Licht, Schatten und Farbigkeit hinzu. Dazu benutze ich einen Monitor, auf dem ich mit einem Stift malen kann. Das ist aber leider auch keine Zauberei – ich muss hier genauso radieren und verbessern, bis ein schönes Endergebnis erschaffen ist. Allerdings muss ich dafür nicht so viele Blätter zerknüllen, sondern nur die „zurück-Taste“ drücken.

Was hat dir an Tucker und seiner Geschichte gefallen?

Schon der Titel ist genial: Nein, Tucker lügt nicht. Er erzählt einfach nur mehr Wahrheit als da ist! Die ganze Geschichte strotzt nur so vor Fantasie, aber spielt in einer uns allen bekannten Welt: stressige Geschwister, nervige Lehrer, obercoole Mitschüler, peinliche Bekannte. Das gefiel mir irgendwie.

Hast du einen „heimlichen“ Favoriten in der Geschichte?

Das ist wohl ganz klar Tucker selbst! Ein Junge, dessen Seifenkiste sich in einen Dinosaurier verwandelt? Wie cool ist das denn?! Ich wollte ja selbst als Kind Paläontologe werden und bin natürlich besonders froh, dass ich sogar eine echte Seifenkiste in Tuckers Dinosaurier verwandeln durfte. ☺

Ich bin oft in Schulen, werde immer nach den Zeichnern gefragt, mit Bewunderung in der Stimme. Viele Kids können sich eher vorstellen, Illustrator zu werden als Autor. Was soll ich denen demnächst sagen, was empfiehlst du ihnen?

Es ist ein Traumberuf, aber es ist auch harte Arbeit. Wenn man davon leben will, kann man es sich kaum noch leisten, einen schlechten Tag oder keine Inspiration zu haben. Bilder müssen zu bestimmten Terminen fertig werden. Verlässlichkeit ist eine wichtige Eigenschaft als Illustrator. Außerdem ist man auch nach einem Arbeitstag immer ein bisschen mit seinen Gedanken bei aktuellen Aufträgen. Illustrator sein heißt auch, den Beruf zu leben.

Das kommt mir alles irgendwie bekannt vor!

Aber will ich einen anderen Beruf ausüben? Auf keinen Fall. Der Spaß überwiegt schon und es ist sehr befriedigend, wenn man durch eine Buchhandlung geht und seine Cover und Bücher sieht oder im Internet nette Kommentare liest. Die nicht so netten können einen andererseits auch tagelang beschäftigen. Also seid nett zu mir im Internet! Und zu Frank!

Dem schließe ich mich voll an. Danke, Helge. Ach ja, Helge kann auch mit der Sprühdose malen. Ganz legal natürlich!!!

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