Jakob, knapp vorm Himmel.

1

Jakob schaut in den Himmel. Der Himmel ist blau und groß. Sonst fühlt Jakob sich oft klein. Fast jeder ist größer als er und fast jeder schaut auf ihn hinab. Nur Buster nicht, der muss zu ihm aufschauen, aber dafür rächt Buster sich, wann immer er kann.
Dann hebt er sein Bein und pinkelt Jakob an den rechten Fuß. Immer an den rechten, nie an den linken. Buster ist ein Dackel mit sehr krummen Beinen und einer sehr spitzen Nase und Schlappohren.
Beim Himmel fühlt Jakob sich nicht klein, obwohl der so groß ist, der Himmel.
Wo, fragt Jakob sich, beginnt wohl der Himmel?
Jakob wohnt ganz oben im Haus, fast auf dem Dach. Vom Wohnzimmer aus kann er ohne Probleme auf die Terrasse hinaus. Dort schaut er gerade eben über die anderen Dächer hinweg.
Nach rechts, wo die Sonne aufgeht und in einiger Ferne die große Kirche mit den zwei Türmen steht. Er würde gerne einmal hinauf auf die Kirche. Ob er dann wohl das Haus, in dem er wohnt, sehen kann?
Ein bisschen weiter links steht ein Hochhaus. Abends hat es an den acht obersten Stockwerken blaue Lampen, die an und ausgehen, mal von oben nach unten, mal von links nach rechts oder sie flackern. An, aus, an aus, sieben mal hintereinander, dann wieder alles von vorne. Ein bisschen weiter kommt der Fernsehturm mit der roten Lampe an der Spitze, damit keine Flugzeuge dagegen fliegen. Ganz links geht die Sonne unter.
Die Sonne kann beim Untergehen sehr viele verschiedene Farben, allerdings sind sie alle orange. Jakob hat schon einmal versucht mit seinem Farbkasten all die verschiedenen Orangetöne hinzukriegen. Dazu muss man gelb und rot mischen.
Er hat es nicht geschafft. Sonnenuntergänge kann die Sonne einfach besser.
Jakob streckt den rechten Arm nach oben, reckt sich, macht den Zeigefinger ganz lang. Ist das nun schon der Himmel? Stupst er gerade mit dem Fingernagel an den Himmel?
Er schließt die Augen.
Das macht Jakob oft. Wenn die Augen zu sind, sehen viele Dinge ganz anders aus. Und sie fühlen sich anders an und manche Dinge kann man sogar nur mit geschlossenen Augen sehen.
Es kitzelt ein bisschen an der Fingerspitze. Ist das der Himmel? Oder doch nur der Wind? Oder schläft der Zeigefinger einfach nur ein, weil alles Blut nach unten zu Jakob fließt?
Er reckt sich noch ein bisschen mehr. Frau Scholland sagt es ganz oft, ein bisschen mehr geht noch, siehst du, Jakob, das hättest du nicht gedacht.
»Ein bisschen mehr geht noch und dann hab ich dich, Himmel«, flüstert Jakob.
»Krroargh!«, antwortet der Himmel.
(…)
© Frank Maria Reifenberg

2 Gedanken zu „Jakob, knapp vorm Himmel.

  1. Pingback: Jakob, knapp vorm Himmel – 2 | schreibkraftfmr

  2. Pingback: Jakob, knapp vorm Himmel – 3 | schreibkraftfmr

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s