Jakob, knapp vorm Himmel – 2

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2

Jakob öffnet die Augen. Er ist nicht einmal bis zur Dachrinne gekommen. Und der Himmel hat auch nicht »Krroargh!« gerufen, sondern ein Vogel. Der schwarze Vogel sitzt auf der Dachrinne und ruft wieder »Krroargh!« und noch einmal und noch einmal, aber Jakob versteht keine Vogelsprache.
Vielleicht versteht der Vogel Menschensprache, denkt Jakob und sagt: »Guten Tag, ich Jakob und wer bist du.«
»Krroargh!«, sagt der Vogel.
Vielleicht antwortet er, aber vielleicht ist es gar keine Antwort, sondern einfach nur ein Krroargh. Und vielleicht ist er kein er, sondern eine sie. Das kann Jakob nicht so gut sehen.
Der Vogel hat glänzende schwarze Federn einen schwarzen Schnabel und sehr schwarze Augen, die ein bisschen aussehen wie die schwarzen Oliven, die Jakob nicht mag und immer aus dem Salat pickt. Nur viel kleiner als die Oliven sind die Augen, aber sie schimmern, feucht und ölig. Außerdem hat der nur einen Fuß, aber das stört den Vogel nicht. Jedenfalls kippt er nicht zur Seite.
»Okay«, sagt Jakob, »ich habe eine Idee. Ich weiß, dass du eine Krähe bist. Und ich weiß, dass du schlau bist, denn alle Krähen sind schlau, sagt Herr Klöppelmann. Wenn du ein Mädchen bist, geh einen Schritt nach links.«
Jakob beißt sich auf die Zunge. Autsch. Mit einem Bein geht das nicht so leicht.
Du bist echt doof, denkt Jakob.
Die Krähe breitet ihre Flügel aus. Sie flattert zweimal und fliegt von der Dachrinne hinauf zur alten Fernsehantenne. Als wollte sie ihm zeigen: Sieh mal, du Doofmann, was ich kann, auch mit einem Fuß!
Die Antenne schwankt hin und her, aber sie fällt nicht runter und es bricht auch nichts ab.
Das war kein so toller Anfang, denkt Jakob, so wird das bestimmt nichts mit der Krähe. Schade, er hätte nichts dagegen sich mit ihr anzufreunden. Schließlich hat nicht jeder eine Krähe zum Freund. Kanarienvögel, Schildkröten, Meerschweinchen, Hunde, Katzen und manchmal ein Pony – das sind so die üblichen Freunde, aber eine Krähe, das wäre schick.
»Wir können erst Freunde werden, wenn du einen Namen hast und einen Namen kann ich dir erst geben, wenn ich weiß, ob du ein Mädchen oder ein Junge bist«, ruft Jakob hinauf zur Antenne.
»Krroargh!«, ruft die Krähe und fliegt davon.
Jakob ist sich ziemlich sicher. Das war ein Frage-Krroargh. Aber was hat die Krähe gefragt? Er weiß es nicht. Krähen sind vielleicht doch nicht so schlau, denkt er. Vielleicht sollte er Herrn Klöppelmann fragen.
Jakob holt den Farbkasten und Wasser und die Pinsel. Er malt einen sehr blauen Himmel, ein sehr rotes Dach mit Dachrinne und Dachantenne und eine sehr schwarze Krähe mit einem Fuß.

3 Gedanken zu „Jakob, knapp vorm Himmel – 2

  1. Ich wollte als Kind auch eine Krähe zum Freund 🙂 Hat aber leider nicht geklappt. Ich weiß nicht, ob die Krähen dafür zu dumm oder zu klug waren – was soll so eine Krähe denn auch mit einem Menschenkind anfangen?

  2. Pingback: Jakob, knapp vorm Himmel – 3 | schreibkraftfmr

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