Keine Angst vor Bleistiften. Notizen.

Der nette Social Media-Felix vom Bloomoon Verlag bittet mich, einen Blogbeitrag in Form eines Tagesjournals zu schreiben. Ich sage sofort ja, weil ein Autor intuitiv Chancen zur strukturierten (und auch zur unstrukturierten) Prokrastination wittert. Er riecht sie förmlich 100 Meter gegen den Wind. Prokrastination wird gerne mit Verschieberitis übersetzt, im Ergebnis ist sie das auch. Strukturierte Prokrastination meint jedoch etwas anderes. Ihr Papst und Propagandist, der amerikanische Philosophie-Professor John Perry  beschreibt das so:

I'm not wasting time

I’m not wasting time. I’m a structured procrastinator.

“The key idea is that procrastinating does not mean doing absolutely nothing. Procrastinators seldom do absolutely nothing; they do marginally useful things, like gardening or sharpening pencils or making a diagram of how they will reorganize their files when they get around to it. Why does the procrastinator do these things? Because they are a way of not doing something more important. If all the procrastinator had left to do was to sharpen some pencils, no force on earth could get him do it. However, the procrastinator can be motivated to do difficult, timely and important tasks, as long as these tasks are a way of not doing something more important.”

Diesen Satz habe ich in einem Notizbuch (wieder)gefunden. Wann ich ihn notiert habe, weiß ich nicht mehr. Wenn ich Felix’ Bitte nun entspreche, weiß ich nun wenigstens, was ich tue. Ich prokrastiniere. Im weitesten Sinne geht es nachher übrigens auch um Bleistifte.
Mal ehrlich, lieber Felix, ich soll Bücher für deinen Verlag schreiben, nicht spaßige Artikel über einen Tag in meinem Leben und über Notizbücher. Hast du das mit dem Verleger abgesprochen? Ach ja, Herr Schweins hat auch schon einen Beitrag Zeichenversuchegeschrieben? Nun, dann wird es okay sein. Ich sage es dir gleich, Autorenleben sind meistens ziemlich langweilig, ich werde also zum Überfluss alles noch ein bisschen pimpen müssen. Ich sage übrigens auch ja, weil ich demnächst eine Reihe von Artikeln starten will, in der es über die Notizen und Notizbücher meiner Kolleginnen und Kollegen geht. Den Anfang wird die Autorin und Journalistin Maren Gottschalk machen.
Felix hat übrigens einen Grund, warum er mich um diesen Beitrag bittet. Es soll darin so ein ganz kleines bisschen um diese hübschen Notizbücher gehen, für die der Felix im Verlag auch zuständig ist. Das ist also … na ja … wir müssen es zugeben: Werbung. Aber ich bin wie dieser gutaussehende blonde Schauspieler, der neulich auf den Filmplakaten mit einem Iltis (oder Marder?) auf dem Bauch zu sehen war. Der macht jetzt Werbung für Bier, aber er verspricht darin, dass er es probiert hat. Es sei lecker, sagt er.
Ich probiere also auch und wähle das kleine Format mit der Aufschrift es gibt viel zu tun warten wir’s ab. Übrigens in einermyNotes notizbuch Schreibmaschinen-Typo, also irgendwie erinnert mich das an die Sache mit der Remington. Unter der Schrift eine kleine Zeichnung, kein Rotweinglas, sondern eine Kaffeetasse.
Vielleicht habe ich dieses gewählt, weil ich vor Kurzem ein Buch gelesen habe (oh ja, Autoren lesen gelegentlich Bücher!). „Die Stein-Strategie“ von Holm Friebe, erschienen bei Hanser.  Von den Steinen lernen heißt siegen lernen, propagiert der Autor. Das Rezept ist ganz einfach: Liegen bleiben und nichts tun. Handeln ist überbewertet.
Ich übe das seit einiger Zeit, das mit dem Stein. Vielleicht hilf mir das neue Motto-Notizbuch dabei.
Ich mag Notizbücher. Sehr sogar. Ich kaufe auch oft welche. Gerne schöne mit Bändchen und Gummi oder wie neulich eines, das aus alten Umschlägen von den Schneiderbüchern meiner Kindheit neu gebunden wurde. Ein paar Seiten des alten Textes waren noch drin, die restlichen neu und blanko, für Notate also.
Ich kaufe sie, aber ich benutze sie nicht, meistens jedenfalls. Am Ende verschenke ich sie oft an Leute, die denken, dass seien die, die ich dauernd voll schreibe.
Mist. Das ist jetzt doof, Felix? Aber ich muss doch ehrlich sein.
Ich schäme mich ja schon grundsätzlich dafür, dass ich nicht einer von diesen echten Schriftstellern bin, die eine ganze Bibliothek voller eigener Notizbücher haben, unglaubliche Konvolute der Beobachtung, der Ideen, der Weisheiten, die später das Marbacher Archiv (beher)bergen wird.
Keine Einträge über die Verdauung, wie bei Thomas Mann. Keine Reiseabenteuer, wie bei Bruce Chatwin. Und auch keine schwiemeligen Iggeleien wie bei Franz Kafka. Das jedenfalls bleibt euch erspart. Es ist nun nicht so, dass ich mir gar nichts aufschreibe. Nein, ich habe meine Bücher nicht komplett im Kopf und hau sie dann einfach nur noch in die Tasten. Richtige, schöne, am Ende gar teuere Notizbücher machen mir schlichtweg Angst.
Sie haben etwas so Anspruchsvolles. Sie fordern akkurat gefüllt zu werden. Sie dürfen nicht aufdecken, dass ich eigentlich unstrukturierter bin als ich zugebe. Also lege ich unbewusst die Schwelle etwas niedriger: Ich benutzte Ringbücher.
IMG_5187Floddelige Dinger, die nach dem zweiten Tag in der Tasche Falten werfen. Da ich mich an ihnen oft mit Blei- und Buntstiften vergehe (beide müssen gespitzt werden, sie oben: Perry!), sehen sie am dritten Tag schon ein bisschen schmierig aus. Zu allem Überfluss klappe ich sie nicht immer zu, sodass ich am siebten oder achten Tag gerne aus Versehen von hinten reinschreibe. Datumsangaben zwinge ich mir immer nur für ein paar Tage ab, auch solch ein durch und durch analoger Datumsstempel (rot!), der Struktur reinbringen sollte, wanderte wieder in die Schublade. Der Inhalt wird meine Biografen um den Verstand bringen. Das besorgt er sogar bei mir selbst.
Da stehen dann nämlich solche Sachen wie VolNpfo34 oder Frau mit Perlenkette, zu jung! und 23/5Affenkommen auch nicht weiter. Dazwischen finden sich fünfzehn Seiten, hingerotzt auf einer Zugfahrt, eine Geschichte, Schmuck aus dem Alldie aber nie weitergeschrieben wurde. Einkaufszettel. Alle U-Bahnstationen zwischen Gesundbrunnen und Ostbahnhof, Telefonnummern, die anzurufen bestimmt interessant wäre, wenn ich wüsste, zu welcher Person sie gehören, die schriftliche Verzweiflung über das Leben oder das Schreiben.
Aber das wird jetzt anders.
Ich habe es Felix versprochen und ich werde eines der beiden Büchlein, die er mir geschickt hat, verwenden. Es sind schöne Notizbücher. Mit Bändchen und mit Gummi. Sie müssen Me gustamir keine Angst machen. Ich darf hinein schreiben als wären sie … Ringbücher. Ich tu einfach so. Erst einmal spitze ich die Bleistifte. Nur die kurzen, weil man die dann passgenau oben am Beschnitt unter das Gummi klemmen kann. Das wäre das erste Zusatzprodukt, das ich Felix und Herrn Schweins empfehlen würde. Außer Notizbüchern mag ich nämlich auch Bleistifte. Vor denen habe ich auch keine Angst.

4 Gedanken zu „Keine Angst vor Bleistiften. Notizen.

  1. kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich steh ja auf die Ringbücher eben weil man Sie komplett umklappen kann. Und ich schreibe meine wandernde To Do Liste immer mit rein, und meistens vergesse ich auch die Namen zu den Telefonnummern zu notieren *g* sehr schön.

  2. Pingback: Sind Sie ein Rotweinautor? | schreibkraftfmr

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