Schweizer Autorin zum Bestellen.

Wer sich auf Alice Gabathuler einlässt, kann sicher sein: langweilig wird es nicht. Sie ist streitbar und voller Emotionen, was ihr jedoch nicht den klaren Blick auf die Dinge verstellt. Wenn ihr etwas auf die Nerven geht, sagt sie es und wenn sie sich für etwas begeistert, gibt es kein Zurückhalten. In ihren Büchern greift sie aktuelle Themen auf, die ihre jugendlichen Leserinnen und Leser nicht schonen. Daraus entsteht eine packende Mischung aus Thrill und Nachdenklichkeit.

Ich folge dir auf Facebook und habe bei deinen Posts manchmal den Eindruck, du hast schon restlos jede Schule in der deutschsprachigen Schweiz besucht. Auf jeden Fall bist du eine fleißige Vorleserin. Wann und wie schreibst du denn deine Bücher?

Wenn ich dir jetzt sage, dass es Schulen gibt, die ich schon mehrmals besucht habe … Im Ernst: Ich mache tatsächlich sehr viele Lesungen. Das hat zwei Gründe: Erstens tue ich das extrem gerne. Und zweitens sind die Lesungen mein Brotberuf.Alice in Aktion Diese Definition stammt nicht von mir, sondern von Pedro Lenz, einem Schweizer Schriftsteller, den ich mag und bewundere. Und wie bei jedem Brotberuf (also die Tätigkeit, mit der man den Hauptteil seines Einkommens verdient), den ein Autor ausübt, ist das so: Ich schreibe in der Zeit, die übrig bleibt. Dann jedoch intensiv, meist von der Welt abgeschottet in einem internetlosen Haus in den Bergen.

Woran arbeitest du im Moment?

Ich schreibe am letzten Band einer vierteiligen Serie. Sie heißt Lost Souls Ltd. und ist für mich ein Traum, der wahr geworden ist. Allerdings ein sehr intensiver, weil die Abgabetermine zwischen den einzelnen Bänden einer Serie (zumindest im Lost Souls Band 1Kinder- und Jugendbuchbereich) sehr dicht beieinander liegen. Ich habe deshalb letztes Jahr etwas weniger Lesungen gemacht als üblich. Und hätte es auch dieses Jahr tun sollen (sagte die Autorin leise seufzend, weil sie es nicht getan hat).

In deinem eigenen Blog lässt du auch gelegentlich Dampf ab. Ein Thema ist immer wieder die Situation Schweizer AutorInnen, speziell auch der Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Welche Probleme siehst du?

Da sprichst du ein totales Frustthema an. Nicht nur meins, sondern generell eins der Schweizer Kinder- und Jugendbuchschaffenden. Wir finden in der Medien-Schweiz mehr oder weniger nicht statt. Die paar wenigen Randplätzchen, die man uns noch zugesteht, teilen wir mit Kinder- und Jugendliteratur aus der ganzen Welt. Um da mal auf eine(n) von uns zu stoßen, braucht man eine gute Lupe. Noch schlimmer wird es, wenn man konkret nach uns sucht, zum Beispiel beim SIKJM, dem Schweizer Institut für Kinder- und Jugendbuchmedien. Ein Eintrag in der Rezensionsdatenbank? Fehlanzeige. Ich habe für mich einen Schlussstrich gezogen und nach 10 Büchern aufgegeben.

Bei einer Frau mit deiner Energie kann ich mir das schwer vorstellen!

Na ja, ich habe ja nicht das Schreiben aufgegeben, sondern mich nur innerlich von etwas gelöst, das mich belastet hat. Was so einfach klingt, war zudem ein mühseliger Prozess: Eine sehr lange Weile lang hat dieses Ignorieren extrem wehgetan, dann war ich wütend und mittlerweile finde ich es lächerlich. Lachen ist übrigens etwas, das in unserer Branche generell hilft, auch wenn es öfters der Galgenhumor ist, der einen durch schlechte Tage rettet. Von Zynismus rate ich ab: Er macht hässlich, unzufrieden und bitter.

Was hast du getan, um diese negativen Gefühle abzuschütteln?

Ein guter Kollege hat mir mit einem sehr einfachen Schlüsselwort eine Tür geöffnet: Dankbarkeit. Für das, was ich schon erreicht habe. Das war ein totaler Augen- und Herzöffner. Zusammen mit der Anerkennung, die ungefähr zur gleichen Zeit von ganz anderswo her kam: Von wunderbaren Rezensionen zu #no_way_out aus Deutschland.Alice erzählt
Unabhängig von allen persönlichen Gefühlen darf man jedoch einen sehr handfesten Aspekt nicht übersehen: Wenn niemand weiß, dass es dich als Autorin gibt, kauft auch niemand deine Bücher. Und es ist halt einfach so, dass Medien ein gutes Transportmittel für Infos sind. Zum Glück gibt es die Schullesungen. Und ein paar wenige Schweizer Medien, die über mich berichtet haben.

Was ist überhaupt eine „Schweizer Autorin“, unterscheidet ihr euch von „uns deutschen“ KollegInnen?

Ich bin Autorin. Ohne Schweizerin davor. Ein Mensch, der schreibt. Für mich macht das keinen Unterschied. Das Problem ist die Wahrnehmung. Ich denke, fast jeder Autor / jede Autorin würde gerne im eigenen Land wahrgenommen werden. Es ist eine Form der Anerkennung.

Glaubst du nicht, dass deine – auch nationale und sowieso kulturelle – Herkunft deine Arbeit (mit)prägt? Ich erlebe die Schweizer bei meinen Lesereisen schon als durchaus „eigene“ Typen. Alleine die Umgebung wäre für mich auch so ein Faktor: Schreibt es sich in deinem Berghaus anders als zu Hause?

Alles, was um einen herum ist, prägt. Das Wilde der Natur, die in der Tat speziellen Menschen, wobei es DEN Schweizer nicht gibt, aber neuerdings eine neue Unterart davon, die mir Angst einjagt: Den „Eidgenossen“, der sich für den wahren Schweizer hält mit den wahren Werten. Nur er weiß, was gut für unser Land ist – und das ist auf schon fast unheimliche Art national-konservativ. Ich empfinde es im Moment so, dass unser Land völlig gespalten wird. Da ist sehr viel Zorn, Wut und auch Hass. Da wird laut geschrien, gepoltert, sogar gehetzt gegen Anderes, Fremdes. Ganz offen, im Internet, in Lesekommentaren – man ist schließlich Eidgenosse mit freier Meinung, ob diese die Rechte und Würde anderer verletzt, ist für diese Eidgenossen zweitrangig bis unbedeutend. Diese Stimmung ist beklemmend und wenn sie zunimmt, kann es gefährlich werden. Genau diese Stimmung und die Folgen davon beschreibe ich übrigens in #no_way_out.

Siehste, da sind sie die Einflüsse! Du weißt, ich behalte gerne Recht, das ist noch schöner als Recht haben. Vielleicht wäre ich ein guter Eidgenosse!? (kleiner Scherz!)

Dass ich in einem einsamen Haus in den Bergen schreibe, hat einen sehr einfachen Grund: Ich muss weg vom Internet, weil ich mich davon zu sehr ablenken lasse. Die Natur da oben schenkt mir die Ruhe. Alles andere blende ich aus – denn diese „heile Bergwelt“ ist alles andere als heil!

In Deutschland wurde dir eine in deinem Genre wichtige Anerkennung zuteil, du hast den Hansjörg-Martin-Preis für den besten Jugendkrimi bekommen. Was hat das bewegt?

In mir selbst: Eine Unmenge. Viel mehr, als ich je gedacht hätte. Ich habe nie für Preise geschrieben, sondern für die Jungs und Mädels, die meine Bücher kaufen. Beim Schreiben von #no_way_out merkte ich irgendwann, wie persönlich dieses#no_way_out Buch wurde, wie viel es mir bedeutet. Und ich merkte auch, dass ich dabei war, etwas wirklich Gutes zu schaffen. Da kam dann irgendwann der Gedanke: „Wenn ich je einen Preis gewinnen könnte, dann bitte für dieses Buch.“

Es gibt also doch noch Gerechtigkeit!

Allein die Nominierung hat mich umgehauen. Sie hat sehr viel verändert und auch beim Loslassen geholfen. Die Bitterkeit, die sich in mir breitgemacht hatte, das Hadern, die Resignation – all das, wogegen ich mit dem Kopf angekämpft, aber im Herzen nicht losgeworden war, fiel einfach ab. Die Gelassenheit und die Zufriedenheit, die ich gesucht und nur teilweise gefunden hatte, waren plötzlich voll da.

Dann hatte die Auszeichnung einen weitaus höheren Wert, als er sich in einem Preisgeld oder einer Laudatio ausdrücken kann?

Ja, ich war einfach nur glücklich. Für mich, für meine Figuren, für die Leute, denen ich sie nachempfunden hatte. Und sonst? Da bin ich realistisch. Nach der Preisverleihung wurde ich gefragt, was mich denn nun zu Hause erwarte. Ich habe gesagt: „Nichts. Das interessiert außer meine Familie und Freunde nur die Lokalzeitung.“ So war es dann auch (nun, die überregionale Zeitung hat auch etwas geschrieben). Aber vielleicht hat ja mein Gitarrenlehrer Recht, wenn er meint, so was entwickle sich langsam.

Aber bei dir hat es sicher nicht „langsam“ entwickelt! Was für einen Gefühl ist es, wenn man in dieser Preisverleihung sitzt und dein Name fällt?

Darf ich dazu eine Stelle aus #no_way_out zitieren?

Nur zu!

„Als ich unten am Fluss ankam und die beiden auf Smileys Lieblingsplatz sitzen sah, fluteten mich meine Gefühle und schwemmten alle Worte aus mir raus.“ Ich war glücksgeflutet. Absolut zugeschwallt. Das Schöne ist: Das bin ich immer noch. Worte habe ich aber mittlerweile wieder. Schon noch irr, was so ein Preis auslösen kann, gell?

Ich komme noch einmal zur Energie. Ich war noch nie in einer deiner Lesungen, aber eines weiß ich gewiss: Die Frau Gabathuler versteckt sich sicher nicht hinterm Klassenpult und murmelt ihren Text. Was erwartet dein Publikum bei Lesungen? Worauf legst du wert, was willst du mit den Lesungen erreichen?

Ich tauche mit einem Rucksack voller Material auf. Notizbücher, Manuskripte, Cover, Druckfahnen und den letzten paar Büchern von mir. Dann schaue ich, wer vor mir sitzt, checke ab, was die Jungs und Mädels schon wissen, stelle mich je nach Ergebnis dieser ersten Vorsondierung etwas länger oder kürzer vor und stürze uns nach dieser Auflockerungsrunde – bei der wir oft herzlich lachen – in die Fragerunde.

Verstehe ich das richtig: Die Veranstalter „bestellen“ nicht eine Lesung aus einem bestimmten Buch, sondern dich?

Bestellen klingt lustig, aber ja, das ist so. Aber keine Angst, man kann mich auch für ein bestimmtes Buch bestellen!

Das ist schon mal sehr ungewöhnlich. Ichwerde nie einfach so für Lesungen gebucht, sondern eigentlich immer mit einer Lesung aus einem bestimmten Buch. Wie geht’s dann weiter?

Ich liebe Fragen. Das ist mein Lieblingsteil bei den Lesungen. Je tiefgründiger, desto besser, je provokativer, desto spannender. Klassen, die solche Fragen haben, bekommen eine sehr persönliche Lesung, bei der ich sie tief in mich blicken lasse.

Frei nach dem Sprichwort: Wie du in die Gabathuler rufst, so schallt es hinaus?

So ist es. Für die seltenen Fälle, in denen niemand Fragen hat, erzähle ich aus meinem Autorenalltag, je nachdem, wozu ich gerade Lust habe. Ich kann stundenlang erzählen. Dabei kommen dann oft die mitgebrachten Utensilien zum Zug. Danach mache ich eine kurze Pause, in der die Jugendlichen sich meine mitgebrachten Bücher etwas näher anschauen können und dann stimmen sie darüber ab, aus welchem ich vorlesen soll. Es gibt Lesungen, die mich tief berühren, bei den meisten lachen wir immer wieder herzhaft. Mir ist es wichtig, die Jugendlichen zu packen und zu berühren, aber auch von ihnen gepackt und berührt zu werden, mit ihnen gemeinsam gute 60 bis 90 Minuten zu erleben, in den Dialog mit ihnen zu kommen, sie zu unterhalten. Dabei kommt mir zugute, dass ich schon ein wenig mit Show- und Erzähltalent gesegnet bin.

„Klassisches“ Vorlesen gibt es also auch?

Ich habe vorbereitete Stellen, die ich auch wirklich gut lesen kann, du kennst das ja: Man muss den Text, den man liest, wirklich kennen. Aber ab und zu ergibt es sich aus dem Gespräch oder dem Wunsch einer Klasse, dass ich eine andere Stelle vorlese, entweder, weil ich denke, die eignet sich jetzt total gut für ein Beispiel zum gerade Gesagten oder weil eine Klasse gerade ein Buch von mir liest und an der aktuellen Stelle gerne etwas hören würde
Letzten Freitag war ich beim ehemaligen Klassenlehrer unseres Sohnes. Seine Klasse hatte zusammen #no_way_out gelesen und waren nicht ganz fertig geworden. Denen habe ich das Ende erzählt und meine Lieblingsstellen daraus vorgelesen. Das war wunderschön. Da standen plötzlich Sätze, von denen ich dachte: Scheibenkleister, sind die gut. Und ich konnte endlich diesen genial schönen Schlusssatz lesen und seine Wirkung testen. Er wirkt!
Du siehst, ich bin flexibel wie ein Gummiband bei den Lesungen. Deshalb empfinde ich sie auch so spannend. Es kann vorkommen, dass ich an einem Tag drei Lesungen habe, bei denen die Fragerunden in drei verschiedene Richtungen gehen und ich aus drei verschiedenen Büchern vorlese. Das hält wach und frisch.

Ich interagiere selbst in meinen Lesungen schon sehr stark mit den Gruppen und am Ende eines Lesungstags bin ich völlig platt. Da deine Themen sehr unter die Haut gehen, stelle ich mir das noch anstrengender vor. Musst du dich manchmal auch abgrenzen, verschließen? Schaffst du das? Wie sorgst du für Ausgleich in deinem Leben?

Bei den Lesungen spüre ich das nicht. Erst danach. Ich setz mich nach den Lesungen in den Zug, klappe den Laptop auf, um zu schreiben, oder ein Buch, um zu lesen … und schlafe nach zwei Minuten ein. Am Abend lege ich mich hin, bin platt und kann keinen geraden Gedanken denken.
Ich will mich aber nicht abgrenzen oder verschließen. Gefühle sind dazu da, sie zuzulassen, auch sie auszuhalten. Und man muss lernen, sie einzuordnen – sagt die Frau, der das oft nicht gelingt. Ich bin ein totaler Bauch- und Gefühlsmensch. Weil in meinen Büchern öfters mal Drogen vorkommen, werde ich manchmal gefragt, ob ich welche nähme. Ich antworte dann immer, dass ich die gar nicht brauche, weil ich schon ohne Drogen sehr intensiv fühle. Würde ich Drogen nehmen, würde ich wahrscheinlich schlicht explodieren.
Der Ausgleich in meinem Leben ist die Natur. Man kann herrlich einfach NICHTS tun, wenn um einen nichts als Natur ist. Oder wandern. Oder stundenlang zwischen Blumenbeeten und Sträuchern herumkriechen. Dann ist Musik sehr wichtig. Und nicht zuletzt, sondern eigentlich zuerst, habe ich meine Familie. Sie ist mein Hafen, in den ich am Ende des Tages einfahre. Nichts gibt mir so viel Kraft und Energie wie meine Familie.

Foto: Scott Schmith

Foto: Scott Schmith

Alice Gabathuler wurde 1961 in der Schweiz geboren, ist im St. Galler Rheintal aufgewachsen und immer noch dort wohnhaft. Als Jugendliche entdeckte sie das Schreiben als Ausdrucksmittel, später setzte sie es in verschiedenen Berufen ein und um. So war sie unter anderem Radiomoderatorin, Werbetexterin und führte im Team mit ihrer Co-Partnerin fünfzehn Jahre lang eine private Sprachschule. Seit 2009 ist sie freiberufliche Autorin. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Sie bloggt unter dem Titel Kreuz und Quer zu Themen rund ums Schreiben und Lesen

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