Der Eisbär – von Antje Herden

Gestern postete ich mein Ballon-Orakel hier und auf Facebook und prompt kam eine Geschichte von meiner sehr geschätzten Kollegin Antje Herden zu all den Fragen, die diese aufgeblasenen Typen (und Typinnen) im Ballonladen an der Ecke so aufkommen ließen. Dann soll die Frau Herden das letzte Wort hier haben. Für dieses Jahr.

Der Eisbär

Er war den weiten Weg gekommen und nun das.
„Geh nicht“, hatten die anderen ihn gewarnt. „Der Weg ist weit und gefährlich und das Ziel ein ungewisses.“
Doch er hatte ihre Worte in den eisigen Nordwind geschlagen und war losgetrottet. Er war nicht allein unterwegs. Manchmal sah er seinen Nachbarn in der Ferne. Er konnte den Typ in seinem albernen roten Mantel nicht leiden und freute sich, dass der seinen Wagen, mit dem er sonst seine Angeberrunden am Mond vorbei zog, nicht benutzen konnte. Doppelter Kufenbruch bei der letzten Ausfahrt. Wegen exorbitanter Überladung.
Er kam gut voran, auch wenn er oft hungrig einschlief. Bis er seinen Speiseplan der jeweiligen Umgebung entsprechend modifiziert hatte. Ein eher unappetitliches Thema, über das er den Mantel des Schweigens breiten würde.
Obwohl er es nicht erwartet hatte, kam er rechtzeitig. Vielleicht war er einige wenige Minuten zu spät, so dass ihm sehr wohl etwas Entscheidendes entgangen sein konnte. Denn er spürte sogleich, dass etwas nicht stimmte.
Der Rote, er entdeckte ihn auf der anderen Seite, hatte natürlich stante pede mit der Leichtbeschürzten im rosa Fummel angebandelt. Denen schien die ganze Misere völlig egal zu sein.
Überhaupt, allen schien die egal zu sein. Drei seltsame Gesellen, die er ähnlich schon mal gesehen zu haben glaubte – (bei denen aber etwas nicht stimmte – war es die Farbe, die Größe, die seltsame Proportion? er kam nicht drauf) – lachten und schwatzten, als gäbe es gar kein Problem.
„Er wird gleich kommen, ganz bestimmt“, biederte sich einer der Drei der Braut an.
„Sicher“, hauchte die und errötete in einem Ton, der den Rosen in ihrer Hand und ihrem Haar perfekt entsprach.
Wie macht sie das?, fragte er sich, einen Moment abgelenkt.
„Das ist albern“, brummte er dann jedoch, legte sein Geschenk ab und warf einen nachdenklichen Blick auf den selig lächelnden an der Decke schwebenden Bräutigam.
Dann verließ er das Schaufenster des Kölner Ballonladens und trat seinen Heimweg an. Er hoffte, den in einem Jahr zu schaffen.
© Antje Herden

Antje Herden, 1971 in Magdeburg geboren, studierte etwas Chemie und viel Architektur. Seit 2004 schreibt sie Romane und Kurzgeschichten für Erwachsene und Reportagen für Stadtmagazine und seit Antje Herden2010 hauptsächlich Kinderbücher. Antje Herden reist am liebsten durch die Welt. Ansonsten arbeitet und lebt sie mit ihren beiden Kindern in Darmstadt.

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