Matrosen mit hochmütig hübschen Köpfen.

Der Regen malträtiert die Dachfenster. Ich stelle mir vor, es rauscht das Mittelmeer an der Küste der französischen Riviera. Dorthin entführen mich Erika und Klaus Mann, an die heute kaum noch jemand denkt, die jedoch beide – Klaus noch mehr als Erika – Meister des Feuilletons und der bildreichen Beschreibung ihrer Zeit samt deren Menschen waren. Bevor der braune Sumpf den deutschen Geist zum Erliegen bringen sollte, huldigten sie der Geschwindigkeit einerseits und dem Verharren im kleinen Augenblick andererseits.


Notorisch knapp bei Kasse kam ihnen der Auftrag gerade recht, für einen Band der Reihe „Was nicht im Baedeker steht“ die Riveria zu erkunden. Die „literary-Mann-Twins“, wie sie sich in den USA fälschlicherweise nennen ließen, ohne es je zu korrigieren, wenn ein Blatt es vom anderen abschrieb, rasten durch den Süden Frankreichs und warfen das Buch nach nur kurzer Zeit auf den Markt. Dass dieses furiose Duo nicht nur Augen für die landschaftlichen Schönheiten hatte, sondern sich zu amüsieren wusste, versteht sich:

„Den Schlepper, der sich uns an die Sohlen heftet, schütteln wir ab, weil er ein unangenehmes Gesicht hat und nicht mehr weiß, als wir. Der Quai erweitert sich zu einem kleinen Platz, der aussieht, als wäre er früher einmal sehr fein und still gewesen; dort liegen ein paar schöne Dancings, wir treten ein, um einen Pernod fils zu trinken. Es ist noch nicht sehr viel Betrieb; ein par englische Matrosen in kleidsamen Uniformen mit eiförmig schmalen, hochmütig hübschen Köpfen über Charleston-Schritte, wozu die Damen herzhaft in die Hände schlagen.“

Immer wieder nehmen Gestalt an, die „slawischen Fräuleins, die französischen marins“, die Spieler und Nutten jeder Nation und dazwischen die Damen der Gesellschaft, Künstler und Schriftsteller, die den Augenblick bannen wollen.
Für Erika war die Tour eine Kleinigkeit: Sie war eine passionierte Automobilistin, ließ sich gar für eine andere Fahrt – das 10.000 Kilometerrennen, das sie ebenfalls 1931 mit ihrem guten und tragischen Freund Ricki Hallgarten, quer durch Europa führte und das sie gewannen – sogar zur Automonteurin ausbilden. Die ältesten Kinder Thomas Manns sollten den Spaß am Rausch dieser Zeit bald verlieren.
Die Nationalsozialisten umwarben zwar den Vater noch eine gewisse Zeit, Tochter und Sohn mussten aber bald nach der Machtergreifung das Land verlassen. Erika wurde von der Schauspielerin und Kabarettistin im Ausland zur unerbittlichen Aktivistin gegen die Nazis. Sie schloss nie mehr Frieden mit Deutschland. Klaus schrieb um sein Leben, organisierte zweiteilig den Widerstand der Intellektuellen im Exil und verlor das Wettrennen gegen seinen Schwermut und seine Heimatlosigkeit schon 1949 – ausgerechnet in einem Hotel in Cannes starb er an einer Überdosis Schlaftabletten.

Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riveria“ rororo TB, 192 Seiten mit zeitgenössischen Illustrationen u.a. von Henri Matisse
ISBN 978-3-499-23667-9, 9,99 Euro

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s