Jakob, knapp vorm Himmel.

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Jakob schaut in den Himmel. Der Himmel ist blau und groß. Sonst fühlt Jakob sich oft klein. Fast jeder ist größer als er und fast jeder schaut auf ihn hinab. Nur Buster nicht, der muss zu ihm aufschauen, aber dafür rächt Buster sich, wann immer er kann.
Dann hebt er sein Bein und pinkelt Jakob an den rechten Fuß. Immer an den rechten, nie an den linken. Buster ist ein Dackel mit sehr krummen Beinen und einer sehr spitzen Nase und Schlappohren.
Beim Himmel fühlt Jakob sich nicht klein, obwohl der so groß ist, der Himmel.
Wo, fragt Jakob sich, beginnt wohl der Himmel?
Jakob wohnt ganz oben im Haus, fast auf dem Dach. Vom Wohnzimmer aus kann er ohne Probleme auf die Terrasse hinaus. Dort schaut er gerade eben über die anderen Dächer hinweg.
Nach rechts, wo die Sonne aufgeht und in einiger Ferne die große Kirche mit den zwei Türmen steht. Er würde gerne einmal hinauf auf die Kirche. Ob er dann wohl das Haus, in dem er wohnt, sehen kann?
Ein bisschen weiter links steht ein Hochhaus. Abends hat es an den acht obersten Stockwerken blaue Lampen, die an und ausgehen, mal von oben nach unten, mal von links nach rechts oder sie flackern. An, aus, an aus, sieben mal hintereinander, dann wieder alles von vorne. Ein bisschen weiter kommt der Fernsehturm mit der roten Lampe an der Spitze, damit keine Flugzeuge dagegen fliegen. Ganz links geht die Sonne unter.
Die Sonne kann beim Untergehen sehr viele verschiedene Farben, allerdings sind sie alle orange. Weiterlesen

Nach Mitternacht.

Kurz nach Mitternacht trat die Frau zu dem leuchtenden Rechteck, das auch denen noch die Erfüllung ihrer Wünsche versprach, die sich in die konsumflutende Weite der Supermärkte nicht mehr getraut hatten. Geschäfte unter vier Augen, Rituale, jeden Abend, oft nach Mitternacht. Ein schneller Handel, nach dem sie in die Dunkelheit zurücktreten durfte.
„Ach, heute gönne ich mir noch etwas, es ist so ein Abend dafür, geben Sie mir zwei und eine Marlboro“, sagte sie.
Er verstand nicht sofort, was Sie meinte. Sie zeigte auf den Kühlschrank, in dem sich Dosen aufreihten. Immer zwei von jeder Sorte nebeneinander.
„Wir tragen jetzt alle Namensschilder, man muss etwas für die Kunden tun, ein gutes Gefühl. Erdem, sehen Sie, Erdem. Sie wissen jetzt immer, Erdem denkt an Sie. Ich komme aus Kasachstan und ich werde für Sie da sein.“
Ihr Blick fixierte die Reihen. Immer zwei von einer Sorte. Becks. Heineken. Bitburger. Köstritzer. Die Schachtel Zigaretten lag bereits neben der Geldschale; eine der altmodischen, die noch für eine Eissorte warb, die längst aus der Mode gekommen war. Sie drehte sich langsam um und lief davon.
„Ihr Bier“, rief der Mann im Kiosk. „Kommen Sie wieder. Erdem. Ich bin für sie da.“

Um Geschichten von Einsamkeit geht es auch hier.

Jambi, Jambata, Jambismen?

Aufgeregte Diskussion unter Studenten am Nachbartisch:
A: Alter, das war ein Trochäus.
B: Scheiße, Alter, ich hab geschrieben beide sind Jambus.
A: Ey, Alter, Jambus is‘ nicht Plural von Jambus.
C: Wie is‘ richtig?
A: Alter, hallo!? Jambi!!
Alle: Prost, Alter.

Das am Seil, für den Berg, mit Gondeln.

Rötliche Haare, sehr schmal, Bleistiftaugenbrauen, hellblauer Pullover mit weißen und rosa Karos, schreibt mit Bleistift in engen Zeilen in ein Schulheft, kann nicht rückwärts fahren, natürlich ist die Reservierung für die falsche Richtung, ein junger Mann tauscht bereitwillig, aber sie hat keine Augen für ihn, sie schreibt auffällig, grübelt, murmelt, fragt: Entschuldigen Sie, wie heißt das, am Seil, für den Berg, mit kleinen Gondeln? Seilbahn, sage ich, sie ist sehr froh, schreibt weiter. Das Handyklingeln eines anderen nervt sie, fummelt ein Kaugummi heraus. Kleine Perlenohrringe. Stecker. Nach über 40 Minuten gerade eben eine halbe Seite, aber bis zum Rand. Etwas altmodischer Goldschmuck, Brilliantring, davor goldener (Ehe?)Ring. Kleines Nasenpiercing, schwarzer Rolli unter dem V-Ausschnitt.

|Zugfahrt am 14.12.2012|

Schlampe? Definitionssache.

Aufgeschnappt in Köln: zwei junge Männer  sprechen über Mädchen, die Jungs sind beide um die 20, beide studieren … 

„Alter, ich hab die abgeschleppt vonner Party und dann, du weißt schon, volles Programm und so und dann sagt die morgens [verstellt die Stimme] Och, damit hatte ich jetzt wirklich nicht gerechnet  und so. Alter, die war unten frisch rasiert und dann sagt die mir, dass sie nicht damit gerechnet hat.“

„Yo, Mann, glaubt keiner, Alter. [Pause] Schlampe.“

„Ja, Alter, wenn sie es so drauf anlegen, sind es echt Schlampen.“

[lange Pause]

„Yo, aber wenn sie jetzt nich rasiert gewesen wär  und es so unbewusst passiert wär, Alter, dann ist sie noch mehr ne Schlampe.“

„Hä?“

„Na, wenn das so unbewusst ist, dann ist so drin, dann kann die nicht anders. Ich glaub, das ist dann ne Schlampe.“

„Nä, Alter, das ist doch nicht Schlampe. Schlampe ist, wenn die Tussi es drauf anlegt und sich’n Kerl schnappt, so voll bewusst.“

[lange Pause]

„Yo, Alter. Kann sein.“