Die Finninnen kommen. Übern Tellerrand geguckt.

Der Orkan ist über Köln hinweg, da reisen sie an. Die vier Finninnen, die in dieser Woche Gäste der SK Stiftung Kultur sind, die in diesem Jahr zum 19. Mal zu den Internationalen Kinder- und Jugendbuchwochen eingeladen hat. Insgesamt lesen 13 Autorinnen über 50 Mal in Kölner Schulen aus ihren Werken. Heute aber, sofort nach der Ankunft am Düsseldorfer Flughafen, haben wir Kölner Kolleginnen und Kolleginnen sie abgefangen und sie zu einem Austausch in und vor einer Nippeser Kneipe eingeladen.
Und wir sitzen mit staunenden Gesichtern da.
„Wir brauchen ein bisschen Anarchie in Skandinavien, wir müssen das rauslassen in den Kinder- und Jugendbüchern.“, hören wir oder: „Bei uns ist es fast eine Beleidigung, wenn man für mehrere Verlage gleichzeitig arbeitet. Wir haben vielleicht einen für Erwachsene und einen für Kinder, aber innerhalb dessen bekommt man Raum, um sich zu entwickeln.“

v. l. Paula Noronen, Leena Parkkinen, Seita Vuorela (Foto: Christina Bacher)

v. l. Paula Noronen, Leena Parkkinen, Seita Vuorela

Heiteres und ungläubiges Gelächter in der deutschen Autorenschar. Einige sitzen da, die bei vier oder fünf Verlagen veröffentlichen, die Bindung an ein Haus kann bei der aktuellen Durchlauferhitzung im Markt schnell im kühlen Grab enden. Am Ende sind die Dinge dann aber doch nicht so unterschiedlich. Mehr oder minder – meist mehr – schräge Lebensläufe, die erkennen lassen, dass Schreiben, gerade für Kinder und Jugendliche, ein innerer Drang ist, bei dem die Frage, ob das auch finanziell Sinn macht, in den Hintergrund tritt.
Doch Salla Simukka macht auch unmissverständlich klar: Dass ihr Buch in 43 Länder verkauft wurde, auch in die USA und nach Großbritannien, ermöglicht ihr in erster Linie eines: „To concentrate on my creativity. Nothing more.“

Salla Simukka (Foto: Christina Bacher)

Salla Simukka (Foto: Christina Bacher)

Wir staunen in einigen Punkten übereinander, die Finninnen finden es sehr sonderbar, dass Leute so lange still da sitzen und zuhören. Zur Gestaltung des Abends gehörte nämlich eine (für unsere Verhältnisse eher kurze) deutsch-finnische Lesung aus Salla Simukkas im Herbst bei Arena erscheinenden Thriller Rot wie Blut. Nein, so was mache man in Finnland dann doch weniger. Und so verrückte Dinge wie neulich auf der Leipziger Buchmesse, wo zig Leute 20 Euro Eintritt gezahlt hatten, um fünf Stunden Autoren zuzuhören! Schon crazy, diese Deutschen. Herzhaftes Gelächter dann, als wir ihnen erzählen, dass es auf der Lit.Cologne Schlangen von 200 Metern vor besonders beliebten Lesungen gibt.
Am Ende stellen Finninnen und DeutschInnen allerdings noch etwas fest. Wir wissen doch recht wenig voneinander. Cornelia Funke fällt als Name bei der Frage nach deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Wir Kölner bringen es gerade mal auf Timo Parvela und seine Ella. Übern Tellerrand gucken macht also weiterhin Sinn. Nächstes Jahr kommen die Dänen. Und warum sollten wir nicht mal einen Reisebus chartern. Achtung Finnen, die Deutschen kommen. Zum Vorlesen. Bis dahin lohnt sich die Beschäftigung mit diesen Schriftstellerin aus dem hohen Norden:

Paula Noronen (*1974) lebt und arbeitet in Helsinki und hat auch dort an der Hochschule für Medien, Kunst und Gestaltung studiert und den Abschluss im Bereich Drehbuch gemacht. Sie hat einen Sohn und eine Tochter. Wenn sie nicht im Schreiben ihre Passion gefunden hätte, wäre sie vielleicht Fußballerin geworden. Ihr bekanntestes Buch ist „Mission Meerschweinchen“, eine Reihe über einen Nager mit Superkräften.

Seita Vuorela (*1971) hat Kulturwissenschaften, Literatur und Womens’s Studies in Turku studiert, dort und in Helsinki lebt und arbeitet sie. Neben dem Schreiben unterrichtet sie Fotografie und Kreatives Schreiben für Kinder und Jugendliche. Seita ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Finnlands. Sie nimmt ihre Leser mit mitten hinein in die Schlacht zwischen Gut und Böse. Ihre Botschaft an Kinder und Jugendliche ist: Mach dich stark. Im Herbst erscheint ihr Buch „Wir fallen nicht“ bei Ravensburger.

Salla Simukka (*1981) aus Tampere wusste mit neun Jahren, dass sie Schriftstellerin werden wollte und mit 18 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Wenn Engel wegsehen“, die Liebesgeschichte zweier Mädchen. Sie studierte Nordische Sprachen und Literatur in Turku und wurde 2013 mit dem Topelius-Preis, dem Staatspreis für die erfolgreichste Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet.

Leena Parkkinen (*1979) entstammt einer Familie von Geschichtenerzählern, ihr Vater ist der bekannte finnischen Kinderbuchautor Jukka Parkinnen. Schreiben allein reichte Leena zunächst jedoch nicht, sie studierte Grafikdesign und Bildende Kunst, dann Drehbuch und ging in die Werbung. Identität, insbesondere Geschlechteridentität und Anderssein sind ihre Themen. Ihre erster Roman Nach dir, Max wurde 2009 als bester Debütroman Finnlands ausgezeichnet.

Anker. Sex. Gott.

„Die Jungfräulichkeit, die Miriam mit sich herumschleppte, war ein Anker, und sie hatte sich geschworen, ihn noch vor Tagesanbruch zu lichten.“
(Jonathan Lethem Der Garten der Dissidenten„, Tropen, S.44)

„Oh Herr, der Junge, schön lang und steif, vor Lust fingerfallenartig in den zu  engen Boxershorts feststeckend, unbeschnitten. Sein Klebzeug ergoss sich in ihre Handfläche, kaum, dass den Schwanz ertastet und seine dehnbare Haube entdeckt hatte.“
(ebd. S. 47)

„Gott existierte nur in dem mickrigen Ausmaß, sie durch seine Nichtexistenz enttäuschen zu können, und so mickrig er war, so immens, so geradezu gottgleich war ihre Wut auf ihn.“
(ebd. S. 59)

Hm, trotzdem. Ich bin mir nicht sicher, ob das Buch den 100-Seiten-Test übersteht.

Lösungen erbeten.

Das letzte Jahr mit Biografien über den historischen Jesus und Erich Kästner und mit der Schatzinsel beendet. Ins neue Jahr mit den Notizbüchern von Thomas Mann, Ifflands „Der Komet“ und einem Essay über die Faulheit gestartet. Dazwischen eine Ausstellung über Florenz und die Avantgarde, die in den Weltkrieg zieht, gesehen. Trägt alles nicht gerade zur Klarheit in meinem Kopf bei. Doch, eines ist mir klarer denn je: Ich habe eigentlich nicht genug  Zeit, um sie mit Geld verdienen zu verbringen. Lösungen erbeten. Oder Überweisungen.

Sätze, über die sich andere ärgern.

(…) Linnés Formulierung, dass die Blume das Vergnügen der Pflanzen sei, kam ihm in den Sinn, und er ärgerte sich, dass dieser Satz nicht aus seiner Feder stammte. ER WOLLTE SÄTZE SCHREIBEN, ÜBER DIE ANDERE SICH SPÄTER ÄRGERN WÜRDEN, und das konnte ihm nicht gelingen, wenn er der Sekretär seines Vaters blieb. (…)

Tja, so geht mir das auch ab und zu! Übrigens: ein sehr schönes Buch!
aus: Andreas Kollender „Teori – Die Geschichte des Georg Foster“ (S. 90, Unionsverlag)

Smaragd

Smaragd nennen sie das Entrée zum Museum Rietberg in Zürich und es ist ohne Zweifel ein Edelstein. Nicht nur der Eingang – der durchscheinend und doch geheimnisvoll die Besucher anlockt, nachdem man durch einen kleinen Park die Anhöhe erreicht hat – ist eine Preziose; auch die Sammlungen bergen wahre Schätze außereuropäischer Kulturen mit Werken aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien. Und sie zeigen mir wieder einmal, wie eng und begrenzt meine Betrachtung von Kunst ist. Angelockt hatte mich die Sonderausstellung „Chanvín – Perus geheimnisvoller Anden-Tempel“. Ich bin froh, dass mich die Müdigkeit einer vollen Lesungswoche in Luzern nicht überwältig hat! Einen ersten virtuellen Spaziergang gibt es hier, aber das ersetzt keineswegs einen „echten“ Besuch.

Die Stirnwand mit den goldenen Quadraten fällt einem nicht sofort ins Auge; wie so oft erschließen sich die Dinge anders, besser, wenn man etwas darüber weiß. Zum Beispiel, dass der Künstler Helmut Federle, dessen Arbeit dieses Werk ohne Titel ist, zu den wichtigsten zeitgenössischen Malern der Schweiz zählt. Seine Ausstellung American Songline hatte ich gerade in der vergangenen Woche im Kunstmuseum Luzern angeschaut. Eher bekannt für seine riesigen schwarzen Balkenbildern, die unter anderem in der Londoner Tate und im Museum of Modern Art in New York zu sehen sind, zog er mich dort mit kleinen und mittleren Bildformaten in seinen Bann – was eigentlich nicht so einfach ist, weil er abstrakt malt. Sehr abstrakt.
Im „Smaragd“ verbinden sich Federles warmgoldenen Quadrate mit dem rauen und grauen Beton; golden, schimmernd, Kitsch – das mögen die ersten Gedanken dazu sein, aber wer den Zubau betritt, verspürt es sofort: Es ist keine Dekoration, sondern Teil eines Dreiklangs, den das Kunstwerk mit dem grünlichen Schein der Glaswände und den würzig duftenden Vertäfelungen des Treppenhauses bildet. Gerade der Geruch verwirrt beim Abstieg in die Ausstellungsräume, nicht kühle Museumsluft ohne Charakter empfängt dich. Die hölzernen Gitter an den Seiten, die  Symmetrie der Stufen, weiche Beleuchtung, das alles bereitet auf etwas vor, das sich wie eine Transformation anfühlt. Alleine für diesen Gang hinunter lohnt sich schon ein Besuch des Museums.