Mich. Nackt. Ohne Maske. Wie ich bin.

„Ich kann nicht atmen, wenn sie vor mir steht, ich kann nicht essen, wenn sie nicht da ist, ich kann nicht schlafen, ohne ihre Stimme gehört zu haben, ohne den weichen Flaum auf ihren Armen zu spüren, ohne diesen süßen Duft zu riechen, hier, direkt unter dem Ohr, dieser Geruch, in den du kriechen möchtest, drin baden.
Liebe ist eine Krankheit. Ja, wirklich. Biochemisch gesehen sind Verliebte krank und verrückt. -one und  -ine wie bescheuert! Verliebte haben so wenig Serotonin im Blut wie Zwangsneurotiker. Deine Hormone spielen verrückt, ja, Adrenalin, Dopamin, Oxytocin, Testosteron, Endorphine – du hast nichts unter Kontrolle, dein Gehirn fährt Karussell mit dir.
Ha, nichts Herzschmerz, nichts hier, hier im Herzen, nein, its all in your mind! Ein Drogencocktail überschwemmt dein Gehirn und legt ganze Regionen darin lahm, zack, aus. Nur Gefühle, nur Gefühle, alles andere weg, blind! Du hast nichts unter Kontrolle, sie könnten dir das Herz herausreißen und du würdest es nicht merken, solange nur ihre Arme sich um dich schlingen, ihre Lippen deine suchen, der Geruch, dieser Geruch, der Geruch … Aber was ist, wenn der Rausch nachlässt? Wenn sie mich sieht? Sieht, wirklich sieht? Mich.“

3. Gesang (Mann)

Meine Ungeduld.
Meinen Zorn.
Meine Not.
Meine Stunden ohne Licht.

Mich. Nackt.
Mich. Ohne Maske.
Mich. Unverstellt.
Mich. Wie ich bin.

Meine Stirn.
Meine Schultern.
Meine Brust.
Meinen Bauch voller Zweifel.

Meine Gier.
Meinen Schweiß.
Meine Lust.
Mein Verlangen ohne Grenze.

Mich. Nackt.
Mich. Ohne Maske.
Mich. Unverstellt.
Mich. Wie ich bin.

Meinen Trotz.
Meine Anmaßung.
Meine Einsamkeit.
Meinen Jähzorn voller Wut.

Mich. Nackt.
Mich. Ohne Maske.
Mich. Unverstellt.
Mich. Wie ich bin.

Nackt.
Ohne Maske.
Unverstellt.
Mich. Wie ich bin. Mich.
Mich. Mich. Mich.

|Auszug aus dem 6. Bild “Zweifel” der Jugendoper “Liebe, nur Liebe”, Libretto: Frank Maria Reifenberg, Komposition: Minas Borboudakis|

Ob ich dich liebe, weiß ich nicht.

Ob ich dich liebe, weiß ich nicht,
seh ich nur einmal dir ins Gesicht,
kann ich nicht sagen, wie mir geschieht.
Ob ich dich liebe, weiß ich nicht.

Eifersucht, der Liebe Hölle!
Elend, elend, wer dich fühlt,
wenn dein Dolch, getränkt mit Gifte
ratlos in dem Busen wühlt;
wenn der Seele Tiefen zittern,
wie die Fluten in Gewittern;
und kein Wort, kein Wort des Trostes
deiner Marter Gluten kühlt!

Ob ich dir traue, weiß ich nicht,
entgeht mir deine Lehre nicht,
tu ich auf eignen Geist verzicht.
Ob ich dir traue, weiß ich nicht. Weiterlesen

Weißt du, wo am meisten geliebt wird? In Todesanzeigen.

Junger Mann

Die Forderung geliebt zu werden, ist die größte aller Anmaßungen.[1]

Gesang (Frau)

Die Liebe stirbt nie einen natürlichen Tod. Sie stirbt, weil wir das Versiegen ihrer Quelle nicht aufhalten, sie stirbt an Blindheit und Missverständnissen und Verrat. Sie stirbt an Krankheiten und Wunden, sie stirbt an Müdigkeit. Sie siecht dahin, sie wird gebrechlich, aber sie stirbt nie einen natürlichen Tod. Jeder Liebende könnte des Mordes an seiner eigenen Liebe bezichtigt werden.[2] Weiterlesen

Ich bin der König der Welt.

2. Bild – Rausch

Der junge Mann erscheint hoch oben auf der Balustrade. Er umrundet laufend den Raum, hoch über den Köpfen des Publikums, ist außer sich vor Freude, ruft immer wieder:

Junger Mann

Ich bin der König der Welt!

Nach einer Runde klettert er über die Leiter in den Zuschauerraum zu seinem Podest, hopst auf den Tisch und lässt die Beine wie ein kleiner Junge baumeln. Er betrachtet seine Hand.

Sie hat mich berührt. Sie hat mich berührt. Hier, hier, schau, sie lachen,
die Härchen, jede kleine Hautschuppe, jede Zelle. Lachen, vor Glück, unverschämt, so schön, so, so schön.
Auf der Mauer saß ich, so-

Er sitzt auf dem Tisch, die Hände links und rechts von den Beinen aufgelegt.

– und da, da hat sie sich hingesetzt, ganz nah, viel zu nah, für nichts. Für nichts viel zu nah. Für nichts setzt man sich nicht so, nicht so nah, nicht so, mit den Händen, dass sie sich berühren können, müssen, wollen. Sie wollte.

Er springt auf den Tisch, breitet die Arme aus.

Ich bin der König der Welt!
Ich mag Wolken, hat sie gesagt und nach oben geschaut. So richtige Wolken. Keine graue Suppe. Wolken mit was drin, hat sie gesagt.
Mit was drin. Wolken mit was drin. Hey, so sind Frauen. Keine Ahnung, was drin sein soll, aber egal.
Sie hat mich berührt, hier, ich hab’s genau gespürt, nicht einfach so, nicht zufällig, nein, nein, nein! Geschubbert, ganz leicht.

Er springt vom Tisch herunter.

Ich hab’s sofort gewusst, beim ersten Blick, als sie aus dem Bus stieg. Und sie hat es auch gewusst, sofort, bestimmt. Naja, gut, es waren zwei Wochen, fünfzehn Tage. Aber sie hat es begriffen, jetzt doch, nach fünfzehn Tagen.
Ich hätt’ ja was sagen können und nicht einfach da sitzen, jeden Morgen, wenn ihr Bus kam, auf der Mauer, fünfzehn Mal! Aber manchmal ist es einfacher auf der Mauer zu sitzen, als was zu sagen.
Wird eh zuviel gequatscht.
Und sie hat’s ja gemerkt und sich gesetzt, neben mich, und geschubbert. Hier.

Das Licht geht, alles wird dunkel, nur das Podest der ersten Sängerin strahlt ein Spot senkrecht von oben an.

|Auszug aus dem 2. Bild der Jugendoper “Liebe, nur Liebe”, Libretto: Frank Maria Reifenberg, Komposition: Minas Borboudakis|

Kuss vier.

Die Geschmacksknospe einer Zunge ist im Durchschnitt einen 50 bis 100 tausendstel Millimeter hoch und hat einen Durchmesser von einem 30 bis 70 Tausendstel Millimeter. Wie zum Teufel schaffen diese Dingerchen es, dass ich den Himmel schmecken kann? Dass ich im Himmel bin!?

|Auszug aus dem 4. Bild der Jugendoper “Liebe, nur Liebe”, Libretto: Frank Maria Reifenberg, Komposition: Minas Borboudakis|