Dinge, die mir am 1. Januar Freude machen.

Ich mochte den Jahreswechsel noch nie so richtig. Als Kind musste ich immer vorher ins Bett und bin um Mitternacht meistens nicht aufgewacht. Später waren Böller bei uns total verpönt, nicht einemmal Ladykracher durfte ich haben. Alle anderen hatten die fetten Chinaböller. Ich nicht einmal Wunderkerzen. Die fand ich als Ersatz erniedrigend. Ob wegen meines Verzichts die Kinder in Afrika damals mehr zu essen hatten – ich weiß es nicht.
Als Jugendlicher wurde ich nie zu richtig tollen Silvesterpartys eingeladen.
Dann konnte ich mir zwar selbst aussuchen, was ich an Silvester machen wollte, aber eine lange Periode des Immer-auf-der-falschen-Party-Daseins begann. Schließlich machte ich mich selbständig und alles wurde noch schlimmer. 31.12.: Bilanzstichtag. Mit anderen Worten: Morgen geht der ganze Scheiß von vorne los. Jetzt hast du es gerade mit schwarzen Zahlen geschafft, aber schon am Neujahrstag geht die Rechnerei weiter.
Irgendwann habe ich verstanden, dass ich nicht feiern muss, wenn alle feiern und mich nicht freuen muss, wenn andere sich freuen, auch wenn man ihnen das gar nicht abnimmt.
Trotzdem sollte meine Silvester-Party-Karriere nicht in einem Jammertal enden, also gab ich selbst welche, genau dreimal hintereinander und so, dass im Folgejahr sich alle schon im September erkundigten, ob denn beim Frank wieder was zu Silvester abgeht. 200 und mehr Gäste, von denen ich nicht einmal ein Viertel kannte. Geile Partys, das sage ich euch.
Dann war genug. Seitdem so klein wie möglich. Und am besten mit in die Wanne liegen und so. Ein paar Mal habe ich sogar einen Zwölferpack Raketen gekauft, ist aber Quatsch, weil man von einem Dachgeschoss in der Kölner Innenstadt eh das beste Feuerwerk von Welt hat.
Und an Silvester und am Neujahrstag so Sachen machen wie: Doch noch schnell die Wand im Flur streichen, wo man immer mit der Sporttasche vorbeischrappt und diese Spuren hinterlässt. Damit gehst du nicht ins neue Jahr, nein!
Und am 1. Januar doch noch den Schuhkarton mit Steuerbelegen nach Monaten vorsortieren, in so einen schwarzen Pultordner, dessen Farbe schon verkündet, dass es nur um ernste Dinge gehen kann. Als freier Autor ist mir jetzt auch der Stichtag voll egal. Schatz, von Beruf Steuerberater, sagt: „Warum ordnest du sie bei der Gelegenheit nicht sofort endgültig, mit Kontoauszügen und alles komplett und so?“ Ich sage: „Weil mir am 1. Januar nur vorsortieren Freude macht.“
So.

Jakob, knapp vorm Himmel – 2

|Wer zuerst den Anfang lesen will, beginnt hier: Jakob, knapp vorm Himmel 1|

2

Jakob öffnet die Augen. Er ist nicht einmal bis zur Dachrinne gekommen. Und der Himmel hat auch nicht »Krroargh!« gerufen, sondern ein Vogel. Der schwarze Vogel sitzt auf der Dachrinne und ruft wieder »Krroargh!« und noch einmal und noch einmal, aber Jakob versteht keine Vogelsprache.
Vielleicht versteht der Vogel Menschensprache, denkt Jakob und sagt: »Guten Tag, ich Jakob und wer bist du.«
»Krroargh!«, sagt der Vogel.
Vielleicht antwortet er, aber vielleicht ist es gar keine Antwort, sondern einfach nur ein Krroargh. Und vielleicht ist er kein er, sondern eine sie. Das kann Jakob nicht so gut sehen.
Der Vogel hat glänzende schwarze Federn einen schwarzen Schnabel und sehr schwarze Augen, die ein bisschen aussehen wie die schwarzen Oliven, die Jakob nicht mag und immer aus dem Salat pickt. Nur viel kleiner als die Oliven sind die Augen, aber sie schimmern, feucht und ölig. Außerdem hat der nur einen Fuß, aber das stört den Vogel nicht. Jedenfalls kippt er nicht zur Seite. Weiterlesen

Die Finninnen kommen. Übern Tellerrand geguckt.

Der Orkan ist über Köln hinweg, da reisen sie an. Die vier Finninnen, die in dieser Woche Gäste der SK Stiftung Kultur sind, die in diesem Jahr zum 19. Mal zu den Internationalen Kinder- und Jugendbuchwochen eingeladen hat. Insgesamt lesen 13 Autorinnen über 50 Mal in Kölner Schulen aus ihren Werken. Heute aber, sofort nach der Ankunft am Düsseldorfer Flughafen, haben wir Kölner Kolleginnen und Kolleginnen sie abgefangen und sie zu einem Austausch in und vor einer Nippeser Kneipe eingeladen.
Und wir sitzen mit staunenden Gesichtern da.
„Wir brauchen ein bisschen Anarchie in Skandinavien, wir müssen das rauslassen in den Kinder- und Jugendbüchern.“, hören wir oder: „Bei uns ist es fast eine Beleidigung, wenn man für mehrere Verlage gleichzeitig arbeitet. Wir haben vielleicht einen für Erwachsene und einen für Kinder, aber innerhalb dessen bekommt man Raum, um sich zu entwickeln.“

v. l. Paula Noronen, Leena Parkkinen, Seita Vuorela (Foto: Christina Bacher)

v. l. Paula Noronen, Leena Parkkinen, Seita Vuorela

Heiteres und ungläubiges Gelächter in der deutschen Autorenschar. Einige sitzen da, die bei vier oder fünf Verlagen veröffentlichen, die Bindung an ein Haus kann bei der aktuellen Durchlauferhitzung im Markt schnell im kühlen Grab enden. Am Ende sind die Dinge dann aber doch nicht so unterschiedlich. Mehr oder minder – meist mehr – schräge Lebensläufe, die erkennen lassen, dass Schreiben, gerade für Kinder und Jugendliche, ein innerer Drang ist, bei dem die Frage, ob das auch finanziell Sinn macht, in den Hintergrund tritt.
Doch Salla Simukka macht auch unmissverständlich klar: Dass ihr Buch in 43 Länder verkauft wurde, auch in die USA und nach Großbritannien, ermöglicht ihr in erster Linie eines: „To concentrate on my creativity. Nothing more.“

Salla Simukka (Foto: Christina Bacher)

Salla Simukka (Foto: Christina Bacher)

Wir staunen in einigen Punkten übereinander, die Finninnen finden es sehr sonderbar, dass Leute so lange still da sitzen und zuhören. Zur Gestaltung des Abends gehörte nämlich eine (für unsere Verhältnisse eher kurze) deutsch-finnische Lesung aus Salla Simukkas im Herbst bei Arena erscheinenden Thriller Rot wie Blut. Nein, so was mache man in Finnland dann doch weniger. Und so verrückte Dinge wie neulich auf der Leipziger Buchmesse, wo zig Leute 20 Euro Eintritt gezahlt hatten, um fünf Stunden Autoren zuzuhören! Schon crazy, diese Deutschen. Herzhaftes Gelächter dann, als wir ihnen erzählen, dass es auf der Lit.Cologne Schlangen von 200 Metern vor besonders beliebten Lesungen gibt.
Am Ende stellen Finninnen und DeutschInnen allerdings noch etwas fest. Wir wissen doch recht wenig voneinander. Cornelia Funke fällt als Name bei der Frage nach deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Wir Kölner bringen es gerade mal auf Timo Parvela und seine Ella. Übern Tellerrand gucken macht also weiterhin Sinn. Nächstes Jahr kommen die Dänen. Und warum sollten wir nicht mal einen Reisebus chartern. Achtung Finnen, die Deutschen kommen. Zum Vorlesen. Bis dahin lohnt sich die Beschäftigung mit diesen Schriftstellerin aus dem hohen Norden:

Paula Noronen (*1974) lebt und arbeitet in Helsinki und hat auch dort an der Hochschule für Medien, Kunst und Gestaltung studiert und den Abschluss im Bereich Drehbuch gemacht. Sie hat einen Sohn und eine Tochter. Wenn sie nicht im Schreiben ihre Passion gefunden hätte, wäre sie vielleicht Fußballerin geworden. Ihr bekanntestes Buch ist „Mission Meerschweinchen“, eine Reihe über einen Nager mit Superkräften.

Seita Vuorela (*1971) hat Kulturwissenschaften, Literatur und Womens’s Studies in Turku studiert, dort und in Helsinki lebt und arbeitet sie. Neben dem Schreiben unterrichtet sie Fotografie und Kreatives Schreiben für Kinder und Jugendliche. Seita ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Finnlands. Sie nimmt ihre Leser mit mitten hinein in die Schlacht zwischen Gut und Böse. Ihre Botschaft an Kinder und Jugendliche ist: Mach dich stark. Im Herbst erscheint ihr Buch „Wir fallen nicht“ bei Ravensburger.

Salla Simukka (*1981) aus Tampere wusste mit neun Jahren, dass sie Schriftstellerin werden wollte und mit 18 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Wenn Engel wegsehen“, die Liebesgeschichte zweier Mädchen. Sie studierte Nordische Sprachen und Literatur in Turku und wurde 2013 mit dem Topelius-Preis, dem Staatspreis für die erfolgreichste Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet.

Leena Parkkinen (*1979) entstammt einer Familie von Geschichtenerzählern, ihr Vater ist der bekannte finnischen Kinderbuchautor Jukka Parkinnen. Schreiben allein reichte Leena zunächst jedoch nicht, sie studierte Grafikdesign und Bildende Kunst, dann Drehbuch und ging in die Werbung. Identität, insbesondere Geschlechteridentität und Anderssein sind ihre Themen. Ihre erster Roman Nach dir, Max wurde 2009 als bester Debütroman Finnlands ausgezeichnet.

Dame im schwarzen Kleid.

Francisco de Goya (1746 – 1828) malte sie wahrscheinlich 1805 – 06 in Madrid: Doña Antonia Zárate y Aguirre. Ich sah sie 2005 in der Alten Nationalgalerie Berlin, in einer Ausstellung, die Goya als den „Prophet der Moderne“ feierte. Drei Monate dauerte mein Aufenthalt in Berlin, die Recherchen für ein Buch hatten mich dorthin verschlagen. In einer kleinen Wohnung im Prenzlauer Berg haderte ich mit mir, mit dem Schreiben und mit einigem mehr.
Doña Antonia in die schwarzen Augen zu schauen, das war eines der herausragenden Erlebnisse dieser Zeit. Die melancholische und distanzierte Schönheit der Schauspielerin drang mir ins Herz. Ich kaufte damals eine Postkarte im Museumsshop, das tue ichGoyaKarte immer bei solchen Gelegenheiten. 2012 erinnerte ich mich an Doña Antonia.
Mein neues Buch spielte in Berlin und ich stellte mir die Protagonistin wie diese Dame im schwarzen Kleid vor.  Weiterlesen